Thermalquellen Baden-Baden
Teil 2: Die Römer
Inhalt
Aquae aureliae
Castrum – Kastell am Rettig
Archäologische Ausgrabungen am Rettig
Vicus – Die Siedlung
Badeanlagen
Textquellen
Aquae aureliae
Es war die Zeit der Regentschaft von Kaiser Vespasian.
Um 75 n. Chr. entstand dort, wo heute die Stadt Baden-Baden liegt, die Siedlung AQUAE („Am Wasser“ oder „Bei den Wassern“).
Offenbar waren römische Bautrupps der in VINDONISSA (Windisch, Schweiz) stationierten elften Legion und der siebten berittenen Räterkohorte, die um 90 n. Chr. in das Neuwieder Becken verlegt wurde, am Aufbau der Stadt beteiligt.
Funde römischer Bauinschriften beim Bau des Friedrichsbades (1869 bis 1877) weisen darauf hin, dass auch die 26. Freiwilligenkohorte römischer Bürger, die COHORS XXVI VOLUNTARORUM CIVIUM ROMANORUM, beteiligt war. Der Text der Inschrift lautet „Die 26. Kohorte freiwilliger römischer Bürger hat dieses Werk geschaffen“.
Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde Aquae das Verwaltungszentrum einer selbstverwalteten Gebietskörperschaft, die bis zum Fall des Limes im Jahr 260 n. Chr. bestand. Dies war die CIVITAS AURELIA AQUENSIS („Die Stadt der Aurelia des Wassers“).
Das Verwaltungszentrum, also die „Keimzelle“ der heutigen Stadt Baden-Baden, trug wohl seither den Namen AQUAE AURELIAE. Belegt ist der Name erst ab dem 3. Jahrhundert.
Castrum – Kastell am Rettig
Südlich vom Markplatz, auf der gegenüberliegenden Hangseite des Rotenbachtals, liegt kurz vor der Einmündung in das Oos-Tal, der Rettig-Hügel.
Nutzung im 19. Jahrhundert
Um 1809 errichtete in dem bis dahin landwirtschaftlich genutzten Areal der Straßburger Präfekturrat Huvelin ein Landhaus. Nur drei Jahre später erwarb Großherzog Karl von Baden das Anwesen für seine Gemahlin Stephanie Beauharnais, der Adoptivtochter von Napoleon Bonarparte.
Der zugehörige Park umfasste ein Areal zwischen der heutigen Sophienstraße, Rettigstraße und Stephanienstraße.
Schon im frühen 19. Jahrhundert finden sich in einschlägigen Druckschriften immer wieder Hinweise über römische Funde auf dem Rettig, insbesondere im Bereich des dort errichteten Wohngebäudes oder dem späteren Folgebau, aber auch bei der Anlage von Pflanzenbeeten im Parkareal.
1887 wurde das Gebäude abgerissen, um Platz für einen Neubau für Marie von Hamiliton, einer Tochter der Stephanie von Baden zu schaffen („Villa Marie“). Diese verstarb im Folgejahr, so dass das Anwesen 1889 neuerlich verkauft wurden, an den Fabrikanten Ino Werner. Damit verbunden war auch eine Zerteilung des Grundstücks.
Ab 1890 entstanden an der Sophienstraße und Stephanienstraße erste Gebäude, darunter auch das Hotel „Holländischer Hof“, das große Teile des Hügels als Gartenanlage nutzte.
Nutzung im 20. Jahrhundert
1926 erwarb die Stadt Baden-Baden die „Villa Werner“ nebst Grundstück zur Unterbringung des Forst- und Wirtschaftsamtes.
Nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete die französische Militärverwaltung 1951 auf dem Gelände der Villa einen Kindergarten. Dabei konnten auf dem Rettig erstmals römische Baustrukturen systematisch freigelegt und dokumentiert werden. Der Park blieb bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in seinem Kernbereich weitgehend unbebaut.
1957 ließ die Stadt Baden-Baden die „Villa Werner“ abreißen, um dort eine städtische Mädchenvolksschule, die heutige Realschule zu errichten. Im Gegensatz zum Bau des französischen Kindergartens nur wenige Jahre zuvor, wurde mit dem Bau ohne vorherige archäologische Untersuchungen begonnen. Es wurde ein mannshoher Mauerzug angetroffen, der auf ein 42 m x 21 m großes Gebäude schließen ließ.
Nach Fertigstellung der Volksschule war vom ursprünglichen Park der Großherzogin Stephanie nur noch ein Drittel unbebaute Fläche übrig (Gartenanlage Hotel „Holländischer Hof“).
Dieser Teil wurde Mitte der 1950er Jahre nochmals aufgeteilt. Zwei Drittel davon, direkt westlich an die Volksschule angrenzend, wurde von der Familie des Hotelbesitzers zur Errichtung eines Einfamilienhauses errichtet.
1990 wurde dieses Einfamilienhaus bereits wieder abgerissen, um das Grundstück neu und dichter bebauen zu können. Dank der Kooperationsbereitschaft des Bauherrn, konnte das zu bebauende Areal zwischen 1991 und 1994 – ohne Zeitdruck – durch das Landesdenkmalamt detailliert untersucht werden.
Archäologische Ausgrabungen
Vom Militärstützpunkt zur Zivilverwaltung
Bei den archäologischen Ausgrabungen wurde ein schon langes in Baden-Baden vermutetes Kastell, ein römischer Militärstützpunkt (Castrum), entdeckt.
Militärische Nutzung in der Holzbauphase
- Mutmaßlich fünf langgestreckte Gebäude, bis mind. 40 m Länge, die als römische Mannschaftsbaracken gedeutet werden. Die Fußböden bestanden, soweit erhalten, aus Holzdielen oder Stampflehm. Die Holzdielen waren (teilweise?) verkohlt und lagen unter einer Brandschicht.
- In den Gebäuden wurden mehrere Herdstellen gefunden, in einem Fall „Rücken an Rücken“, getrennt durch eine schmale Trennwand von der benachbarten Wohnstube (contubernia).
- In einer 1991 freigelegten, vollständigen Herdstelle eines Wohnbereiches (papilio), lagen tatsächlich noch Reste der letzten Feuerung.
- Südöstlich der Baracken wurde eine mit flachen Kieseln eingefasste Lagerstraße mit dazugehöriger Schottertragschicht angetroffen.
Die Mannschaftsgebäude werden einer älteren „Holzbauphase“ zugeordnet, die durch eine spätere „Steinbauphase“ abgelöst wurde. Beim Rückbau der Gebäude wurde das Bauholz offenbar verbrannt und der Brandschutt auf dem Gelände flächig verteilt und eingeebnet. Auf dem einplanierten Gelände wurde anstehender Lehmboden aufgetragen, um ein Plateau für die Folgebebauung zu schaffen.
Zivile Nutzung in der Steinbauphase
Nach dem Ende der militärischen Nutzung des Rettigareals erfolgte auf dem Plateau eine großflächige zivile Bebauung mit repräsentativem Charakter.
Bei den Ausgrabungen konnten insgesamt fünf Steinbauten nachgewiesen werden, die aber nicht alle zeitgleich bestanden, dazwischen ein größerer Pfostenbau.
Der Steinbau I (Bau ca. in den 80er Jahren des 1. Jahrunderts, Nutzung bis in das 2.Jahrhundert n. Chr.) wurde über einen aus hinereinander überlappend ausgelegten Ziegeln hergestellten Abwasserkanal in eine vor dem Gebäude liegende Grube entwässert. Dort wurden neben Küchenabfällen auch größere Mengen zerscherbter Keramiken gefunden. Eines der schönsten Fundstücke war eine sehr kunstvoll gestaltete bronzene Amphorenfibel, die mit großem handwerklichen Geschick aus drei ineinander gestellten Amphoren hergestellt wurde.
Das südwestlich angrenzende Steinbau III (Bau ca. Mitte des 2. Jahrhunderts) zeichnete sich durch eine massive Umfassungsmauer aus. An der Südseite verlief direkt entlang der Mauer der vom Steingebäude I ausgehende Abwasserkanal. An der Aussenwand wurde über dem Kanal zu einem späteren Zeitpunkt eine kleine Latrine errichtet. An der Nordseite des Gebäudes wurde ein beheizbarer Raum (Hypocaustum) sowie ein daneben liegender Keller angetroffen. Teile der Hypocaust-Pfeiler waren abgebaut. Auch hier wurden Spuren der letzten Befeuerung gefunden (mächtige Ascheschicht).
Als Steinbau IV wurde ein kurzes Mauerstück an der Südseite von Gebäude I beschrieben. Ob es sich tatsächlich um ein separates Gebäude handelt, konnte nicht geklärt werden, die Befunde in diesem Bereich waren bereits weitestgehend durch moderne Eingriffe zerstört.
Die mäßig erhaltenen Reste von Steinbau V schließt sich unmittelbar südlich an das Gebäude III an. Der Gebäudegrundriss weist auf eine Risalitvilla hin, einem häufig im ländlichen Raum verbreiteten Gebäudetyp. Die Schauseite ist nach Südwesten in Richtung der von den Schwarzwaldausläufern flankierten Oosniederung ausgerichtet, der zur Römerzeit einen imposanten Ausblick bot. Bauschuttfundstücke weisen auf polychrome Wandmalereien hin.
Ein Risalit (italienisch risalto = Vorsprung) ist ein in der gesamten Gebäudehöhe – vom Sockel bis zum Dach – aus der Hauptfassade vorspringender Gebäudeteil.
Zwischen den Steinbauten I und III, größteteils im Bereich von Steinbau II, wurde eine große Anzahl von Pfostenstandspuren dokumentiert. Die Pfosten sind in parallelen Reihen von bis zu 14 Pfosten aufgereiht. Nach Ende der Nutzungszeit wurden die oberirdischen Teile der Pfosten entfernt, aber nicht in der Umgebung verfüllt . Die Funktion des Pfostenbaus bleibt rätselhaft. Grundrissvergleiche mit anderen Pfostenbauten lasse einen Speicherbau (horreum) vermuten.
Wesentliche Veränderungen in der Bebauung des Rettigareals sind erst wieder in der Zeit des zweiten Viertels des 3. Jahrhunderts zu registrieren (225 bis 250 n. Chr.). Die Gebäude I und III waren mittlerweile offenbar nicht mehr in Nutzung (ruinös). Es entstand, in der letzten Phase der römischen Bebauung des Rettig, ein Neubau (Steinbau II).
Die Überreste des Gebäudes sind sehr gut erhalten. Das Mauerwerk besteht ausschließlich aus Altmaterial, größtenteils wohl Baumaterial der Gebäude I und III. Die Funde weisen auf einen Vorratskeller, eine Feuerstelle und einen beheizbaren Raum mit Heizanlage hin. Der Innenausbau war im Vergleich zu den älteren Bauten deutlich bescheidener. Die Raumaufteilung erfolgte mutmaßlich durch Holzfachwerkwände. Die massive Aussenmauer lässt eine Schutzfunktion vermuten. Das Gebäude wurde in der Mitte des 3. Jahrhunderts offenbar partiell zerstört, die Ostwand des Kellers stürzte ein. Der Keller wurde wohl aufgegeben, der Schutt im Keller entsorgt, das restliche Gebäude aber mit einfachsten Mitteln notdürftig instandgesetzt.
Das Schadensbild des Gebäudes lässt sich nach den Erfahrungen der Archäologen nicht auf klassische Ereignisse, wie beispielsweise ein Brand oder eine mutwillige Zerstörung zurückführen. Bei den folgenden Überlegungen wurde ein Erdbeben als mögliche Ursache in Erwägung gezogen.
Abbildung: Teilweise schematisierte Wiedergabe der ergrabenen Strukturen der Holzbauphase auf dem Rettig, einbezogen sind auch die Ergebnisse der Nachgrabungen 1996-1997 im Bereich der Realschule. Die beiden blass angelegten Gebäude unter der Realschule sind hypothetisch und nur durch einen kleinen Einblick (E) bei der Nachgrabung belegt.
© Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/E. Löhnig, P. Knierriem
Abbildung: Schematischer Gesamtplan der Gebäude I bis V auf dem rettig mit Ergänzung der Nachgrabung von 1996 im Hotelgarten.
© Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/E. Löhnig, P. Knierriem
Vicus – Die Siedlung
In dem Areal zwischen dem Castrum und den Badeanlagen am gegenüberliegenden Talhang des Rotenbachtals unterhalb des Florentinerberges entwickelte sich die Siedlung (Vicus) von Aquae.
Die größten zusammenhängenden Ausschnitte der Bebauung von Aquae konnten entlang der Gernsbacher Straße dokumentiert werden unter der die römische Hauptstraße verläuft (Abwasserleitungen und Wohngebäude in Holz- und Steinbauweise, mit Hypokausten und Herdstellen).
Am Leopoldsplatz wurde mit der schola eines Kollegiums, eine Art Versammlungshaus, auch ein öffentliches Gebäude gefunden.
Am Römerplatz südlich des Friedrichsbades und der Klosterschule „Zum Heiligen Grab“ wurden zahlreiche Altäre, Weihesteine oder Statuen zur Verehrung einer Vielzahl von Göttern gefunden.
Archäologische Funde nahe dem Marktplatz, in der Höllgasse 13 und an den Rathausstaffeln 3, werden als mögliche Heiligtümer interpretiert.
Badeanlagen
Schon zur Gründungszeit von Aquae wurden vermutlich bereits auch Badeanlagen, wie das „balineum“ (Hygienebad) am heutigen Römerplatz errichtet („Soldatenbäder“).
Inschriften „LEG VIII AVG“ von Ziegelfunden im Jahr 2023 am heutigen Marktplatz zeigen, dass beim Bau der sogenannten „Kaiserbäder“ die 8. Legion beteiligt war.
Die Römer nutzten die heilenden Quellen in erster Linie um ihre Verletzungen zu kurieren. Die Bäder boten aber auch die Möglichkeit zur Entspannung und Pflege sozialer Kontakte.
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Textquellen
„Soldatenbäder“ und „Kaiserbäder“
Coenen, Ulrich: Von Aquae bis Baden-Baden, Die Baugeschichte der Stadt und ihr Beitrag zur Entwicklung der Kurachitektur, Verlag Mainz, Aachen 2008.
Archäologische Untersuchungen
Roth, Sarah & Preiß, Jessica: Zwischen Marmor und heißen Quellen – Das römische Baden-Baden. Schriftenreihe „Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg“, Heft 90. Landesamt für Denkmalpflege (LAD) Baden-Württemberg, 2023.
