Die Sage vom Mummelsee
Eine von sehr vielen Versionen.
Wie ein altgrau Moos, so heftet sich
Die Sage an die Landschaft, unzergänglich,
Und tief aus hohlen Bäumen oder Bergen
Vermeint der Wand’rer Sang und Ton zu hören,
Als Nachhall ferner, lang verklung’ner Zeit.
So klingt Scheffel, und wie dem Wanderer erging es Oberst von Ramsberg, seinen beiden Töchtern, seinem Sohne und dem Sohne seines Jugendfreundes, welche von der Perle der Bäder, unserm schönen Baden-Baden aus gar manche Pilgerfahrt in’s romantische Land der Sagen unternahmen.
Frau Aventiure war ihnen gewogen, gar Vieles ward ihnen kund; aus Bäumen und Bergen, aus Felsen und Klüften, aus Schlössern und Klöstern, aus Burgen, Kirchen und Ruinen klang der Nachhall ferner, lang verklungener Zeit wie Neolsharfensang an Ohr und Herz. Und was aus der Gegenwart hinein ertönte, vermählte sich gar sinnig mit den Geistern der Vergangenheit, treue Kunde gebend, daß Gott und das Menschenherz gleich bleiben in alle Ewigkeit.
Willst Du, mein hochverehrter Leser, Dich der Pilgefahrt anschließen und so auch die Reize des alemannischen Landes, die sich nicht auf den ersten Blick Dir darbieten, kennen lernen, nimm einfach diese Büchlein zur Hand.
Du bedarfst dann weder Empfehlung nach Vorstellung. Was Du dabei gewinnst, ist viel lauteres Gold, aus dem Herzen eines Volkes geschürft, das seiner paradiesischen Heimath werth war, ist und bleibt, eines Volkes gerade, fest und treu, der Schwarzwaldtanne gleichend, in deren geheimnisvollem Dunkel heute noch, wie vor mehr als tausend Jahren, Frau Sage ihre Runen ritzt.
Glück auf zur Fahrt! Sie wird dich nicht gereuen; mein Büchlein aber möge Dir und den lieben Deinen zu Hause eine angenehme Erinnerung bleiben als Schwarzwaldgruß.
L. Bernow
… das der Geleitsbrief von L. Jung (L. Bernow) in seinem Büchlein „Des Schwarzwalds schönste Sagen – auf fröhlicher Fahrt erzählt und allen Besuchern Badens gewidmet“, 2. Auflage, Baden-Baden im Sommer 1903.
Im ersten Kapitel des Büchleins beschriebt Jung die 14 Sagen der Trinkhalle in Baden-Baden, die durch großformatige Gemälde von Jakob Götzenberger die Rückwand des Wandelganges schmücken.
Foto: Wandelgang der Trinkhalle in Baden-Baden. Alemannische Sagen Nr. 1 bis 7 (März 2026)
Die Sagen der Trinkhalle
Die Promenade war zu einem Fee’nreiche umgeschaffen. Wie mit Brillanten besäet leuchtete das Konversationshaus, gleich einem Zaubergarten mit feurigen Blumen und Früchten glänzte seine Umgebung. Liebliche Musik ertönte, frohes Leben herrschte, die elegante Menge ergab sich dem ungetrübten Genusse der Herrlichkeit ringsum.
Hoch oben am tiefblauen Himmelsdome ergoß, vom goldenen Sternenheere umgeben, Freund Mond seinen magischen Glanz. „Komm mit“, rief er seinem Herrn zu, der sich soeben in heiterer Gesellschaft bewegte. „Der Mond ruft mich,“ sagte dieser mitten im anregendten Gespräch zu den beiden jungen Damen an seiner Seite.
„Von der Fee’rie zur Romantik. Das setzt dem Abend die Krone auf. Bruder Albert bitte für uns, daß der Poet uns mitnimmt ins Mondscheinreich!“ rief die jüngere der Schwestern dem soeben an sie Herantretenden zu. „Ihm gebührt der Vortritt, wir folgen,“ entgegnete lachend der Bruder. „So ist’s recht,“ meinte der Dichter, verbeugt sich leicht vor den Damen und trat die Reise an.
Weit war sie nicht: am Marmordenkmal des entschlafenen Heldenkaisers vorüber, eine Freitreppe empor, in eine Säulenhalle. Gar oft hatte er morgens hier Kur getrunken, heute aber erschien ihm die Trinkhalle fremd.
„Was lockst Du mich hierher, alter Geselle,“ fragte er den Mond. Dieser goß helle Strahlen auf zwei Gestalten, die sich langsam von der Rückwand der Halle lösten.
(1) Burkhard Keller von Yburg
stand in weithin sichtbaren Lettern unter dem Rahmen aus dem sie traten. (…)
„… will Ihnen die zweite Geschichte mittheilen, die mir der Mond offenbarte,“… Man schaarte sich um ihn auf der großen Bank beim Schloß Solms und lauschte seinen Worten:
„Kennen Sie die Geheimnisse des deutschen Waldes? Wohl nirgends locken sie verführischer als dort oben in den blauen Schwarzwaldbergen. Sehen Sie jenen langen Bergrücken. Hornisgrinde genannt?
Haidekraut und schwarzes Moos bedecken den sumpfigen Boden, mühsam streben Krummholzkiefern daraus zum Licht, mächtige Steinmassen sind hier und da zu finden.
Wie ein erblindetes Auge weilt ein dunkler, unergründlicher See, von Felstürmen umschlossen, in tiefem Bergkessel inmitten der Wildnis. Kein lebendes Wesen erkor ihn zum Aufenthalte, unbewegt bleibt sein schwarzer Spiegel,
Foto: Der sagenhafte Mummelsee (August 2020)
(2) Mummelsee
heißt er, weil Seeweiblein, hier Mümmelein genannt, darin hausen. Bei Tage sind es weiße Lilien,
Doch wenn die Nacht herniedersinkt,
Der volle Mond am Himmel blinkt,
Entsteigen sie dem Bade
Als Jungfern am Gestade.
Und schweben leis umher im Kreis,
Gesichter weiß, Gewänder weiß,
Bis ihre bleichen Wangen
Mit zarter Röte prangen
wie das Lied erzählt. Schlägt die zwölfte Stunde, erscheint ihr Vater, der strenge Nix, an der Oberfläche des schwarzen See‘s und ruft die Töchter zu sich in die Fluth. Sie tauchen mit ihm unter und werden im Morgengrauen wieder zu Lilien.
Manchmal hat schon eine der holden Mümmelein eines Jünglings Herz entflammt, und ihm Gegenliebe gewährt. Viele Nächte hintereinander verließ sie seinetwegen die kühle Fluth, dann bedeutete sie ihm, er werde sie eine Zeit lang nicht mehr sehen, dürfte ihr aber ja nicht rufen.
Ein Hirtenknabe übertrat, von Sehnsucht getrieben, ihr Gebot. Kaum war der theure Namen seinen Lippen entschlüpft, als die See zu zischen begann. Ein Schmerzensschrei gellte dem zu Tode Erschrockenen, aus der Tiefe kommend in‘s Ohr, ein großer Blutfleck erschien auf dem Wasserspiegel, ein weißes Röslein löste sich von demselben ab und schwamm zum Ufer. Von Entsetzen getrieben wandte sich zur Flucht und ward nie mehr gesehen. Ein Einsiedler mit ergrautem Haare ließ sich bald darauf in einer Felsenschlucht nahe der Wasserfälle bei Allerheiligen nieder. Er hat niemals ein Wort gesprochen, außer zu seinem Gott. Ein alter Jäger behauptete, er trüge wie die zu Stein gewordenen Züge des Hirten.
Ein frischer, junger, kecker Waidmann sah nicht lange darnach ein lieblich Mümmelein, mit einem Sträußchen aus Feldblumen im zarten, weißen Händchen, am Ufer sitzen.
Er näherte sich dem Seefräulein, das ganz aussah wie ein lebendes Wesen. Doch kaum hatte ihn das schöne Kind erblickt, als es mit tödlichem Erschrecken aufsprang und im See verschwand. Sein Schleier, ein fein meergrün Gewebe, blieb im Gestrüpp am Ufer. Dem Waidmann, des Försters Sohn aus der Legelsau, überkam ein seltsam süßes Bangen, die Liebe war eingezogen in sein Herz. Scheu griff er nach dem Schleier und barg das theure Pfand an der Brust. Seine Ruhe war dahin, er kannte nur noch die Sehnsucht, bleich und still wanderte er rastlos jede Nacht vom Försterhaus im Kapplerthale zum See. Ein Freund entriß ihm wohlmeinend den Schleier un versenkte diesen an schwerem Steine in die schwarze Fluth. Doch statt Berwin, so nannte sich der junge Waidmann, zu heilen, vermehrte er dessen Sehnsucht. Beim schwachen Lichtlein des ersten Mondviertels erhob sich der Jüngling vom Lager und ging den wohlbekannte Weg. Unheimlich rauschte das Wasser, eine Welle erhob sich, ein Blitzstrahl warf blendendes Licht auf etwas aus der Tiefe des See’s Entsteigendes. „Der Schleier,“ jubelte Berwin, „das Seefräulein winkt.“
Ratsch, ohne Besinnen stürzte er sich in die aufbrausende Fluth, sein geübter Arm zerteilte die Wellen, schon war er inmitten des See’s und griff nach dem Schleier. Hatte er mit diesem den Arm des Mümmeleins erfaßt? Die Wasser schlugen über ihm zusammen, dann wurde der Spiegel glatt und still, ein unergründliches Gehemnis.“
„Und sind die Mümmelein nie wieder gekommen?“ fragte Bertha, die jüngere der beiden Damen.
„Sie kamen wieder,“ entgegnete der Poet, „ein weibliches Wesen läßt die Liebe nicht, und bringt sie auch den Tod. Die Mümmelein tragen ein warmes Herz in der Brust, trotz dem kalten Elemente, das sie umgibt.
Der nächste Mann, der dies erfuhr, war ein ganz tapferer Ritter, in der Minne erfahren. Ermüdet vom edlen Waidwerk, rastete er am unwirthlichen Ufern des gemiedenen See’s. Träumerisch sah er in die Fluth. Da verschwand der schwarze, trübe Glanz derselben, hell und klar aus flüssigem Golde erschien das Wasser, sanft kräuselten sich die Wellchen und inmitten des weißen Schaumes tauchte ein Anlitz empor wie aus Himmelshöhen. Weiße Arme schimmerten in den krystallenen Wogen, eine Huldgestalt stand vor dem seiner Sinne kaum mehr mächtigen Ritter. „Dein bin ich, herrliches Weib, „ entsprang sich seinen Lippen, dann hielt er die Jungfrau umfangen.
Selige Stunden verbrachte er am Gestade, nur dünktem sie ihm viel zu kurz, denn um Mitternacht verließ ihn die Braut. Er dachte nicht viel darüber nach, droben auf seiner Burg rüstete er zur Hochzeitsfeier seiner Schwester, mit dieser wollte er die eigene verbinden. Unter Scherz und Kofen brachte er das Mümmelein mit Lift am Vorabend des Hochzeittages zur Burg. Im festlich geschmückten Saale unter der Schar der frohen Gäste, beim Saitenklange und tanz vergaß das Seefräulein der Zeit. Da drang auf einmal der erst Frührothschein in das Prunkgemach, als sie eben der Ritter vom Tanz weg seiner Schwester zuführen wollte; tödtlicher Schrecken malte sich auf des Mümmeleins Anlitz:
„Es tagt, es tagt, ich sterben muß
Gieb mir noch den letzten Kuß!“
Und aus des Ritters Armen reißt
Die bleiche Braut, der greiße Geist
Verschwindet mit ihr in die Fluth,
Die blutig dann im Frühglanz ruht.
„Und der Ritter?“ fragte Bertha ergriffen.
„Der See verstummt, der Wald verdorrt,
Der Ritter sitzt dort immerfort;
Dort harrt sein Geist noch heutzutag,
Ob Keiner ihn erlösen mag
beantwortet das Lied ihr Frage,“ lautete die Entgegnung.
„Weiß nicht aus Grimmelshausen in seinem Simpilcissimus Wunderbares vom Mummelsee zu berichten? Ich erinnere mich, er behauptet, die darin hausenden Geister erlaubten nicht, mit Meßinstrumenten in seine Tiefe zu dringen,“ warf der Vater der Damen ein.
„Gewiß, als es ein Markgraf von Baden versuchte, mit geweihten Kugeln und anderen geweihten Gegenständen, sprang ein fürchterliches Ungeheuer aus den Wellen hervor, jage die Messenden in die Flucht, und sieben Tage lang wütheten Ungewitter über dem See“, antwortete der Bruder, ein junger Philologe.
Marie aber, die ältere Schwester, recitierte mit wohlklingender Stimme Mörickes Geister am Mummelsee, eine der schönsten deutschen Balladen.
„Wie war es aber mit der
(3) Nixe am Wildsee?“
fragte Albert, der Philologe.
„Der Wildsee liegt einige Stunden in südöstlicher Richtung vom Mummelsee entfernt auf einer, das Moor genannten, Hochebene zwischen Murg und Elz.
(…)
… und im Weiteren beschreibt Jung in seinem Büchlein auch die anderen im Wandelgang der Trinkhalle dargestellten Sagen des nördlichen Schwarzwalds.