Seerosen am Mummelsee?

Wie der Mummelsee zu seinem Namen kam.

Aloys Wilhelm Schreiber (1761 bis 1841), späterer Professor für Ästhetik in Heidelberg, veröffentlichte 1811 in seiner Publikation „Baden im Großherzogthum mit seinen Heilquellen und Umgebungen“ einen historischen und topographischen Überblick über die Stadt Baden (Baden-Baden) und ihre Umgebung.

In seinen Ausflugstipps für Kurgäste in „entfernte Gegenden um Baden“ heißt es:

Die etwas entferntern Thäler und Berge bieten so manche große und anmuthige Scenerei dar, daß es in jeder Hinsicht der Mühe lohnt, kleine Wanderungen von einem und zwei Tagen dahin zu unternehmen“.

Zu dieser „anmuthigen Scenerei“ zählt Schreiber auch die Seen auf den Schwarzwälder Höhen, so auch den Mummelsee:

„Ohngefähr drei Stunden von Baden erhebt sich, in der Richtung gegen Mittag, aus der hohen Bergkette, welche Baden und Wirtemberg scheidet, und von dieser Seite den Horizont schließt, der kahle Rücken des Herrenwieser Bergs, sonst auch Badener Höhe genannt.

Am südlichen Hange dieses Bergs, in einem sehr hoch liegenden Thale, versteckt sich das Dörfchen, die Herrenwiese, und etwa ¾ Stunden von da, an dem südöstlichen Hange, breitet sich ein kleiner See aus, der den Nahmen des Dörfchens führt, im Munde des Volks aber den Namen des Mummelsee’s (von Mümmelchen, Seefräulein) hat.

(…)

Die Bäume haben in diesem torfigten Boden meist ein zerkümmertes Ansehen, besonders in der Nähe des Mumelsees. Sein Bord ist, wie das Ufer der Lethe, öd und abgeschieden – die Fichten und Tannen ringsum senken ihre Häupter zur Erde, und sterben schon in ihrer Jugend hin. Kein Laut unterbricht die ewige Stille, nur daß tief unten im Thal melancholisch ein Quell murmelt. Immer unbewegt ist der schwarzbeschattete Spiegel des Wassers, das nahe am Ufer mit Torf bedeckt ist, und auf welchem die gelbe Seerose (Nymphea luthea) ihre breiten Blätter entfaltet. Auch blüht hier das Sonnenthau (Dunsera rotundifolia), das Wollgraß (Eriophorum vaginatum) und die Torfbinse (Scirpus cespitosus). Es ist hier der Aufenthalt der Betrachtung, der Wehmuth und der Dichtung.

Das Romantische knüpft sich immer an die seltenern Erscheinungen in der Natur. Von diesem See leben in dem Munde der umwohnenden Landleute eine Menge Sagen. Ehemals war er, ihren Erzählungen nach, von Seefräulein bewohnt, die in jener guten alten Zeit gar freundlich mit ihren Nachbarn umgingen.“

(…)

Mummelsee (Herrenwies) und Mummelsee (Hornisgrinde)

Schreibers Beschreibung von 1811, in denen erstmals Seerosen beschrieben werden, gilt bei zahlreichen Veröffentlichungen bis heute als Nachweis für Seerosenvorkommen am Mummelsee.

Dabei wird jedoch übersehen, dass Schreiber gar nicht den Mummelsee an der Hornisgrinde beschreibt, sonderen den Herrenweiser See am Seekopf, zwischen der Badener Höhe und der (heutigen) Schwarzenbach-Talsperre.

Beide Seen sind eiszeitliche Karseen.

Im Vergleich zum Mummelsee (1.028 m NN), an dem heute direkt die Schwarzwaldhochstraße entlang führt, liegt der Herrenwieser See (829 m NN), abseits einer direkten Straßenanbindung, auch heute noch vergleichsweise abgeschieden. Zumindest abgeschieden von den großen Tourismusströmen wie am „Rummelsee“.

Keine Seerosen am Mummelsee (Hornisgrinde)

Botanisch gesicherte Nachweise für Seerosenvorkommen am Mummelsee sind nicht bekannt.

So stellt beispielsweise der botanische Bericht zu den „Nuphar der Vogesen und des Schwarzwaldes“ von 1870 explizit heraus, dass weder auf dem Mummelsee, noch auf dem nahegelegenen Wildsee, Nymphaeaceae wachsen. Es fänden sich dort überhaupt keine Pflanzen im See.

Nymphaeales

Bei den Nymphaeales handelt es sich um die Pflanzengattung „Nymphaea“, die taxonomisch der Familie der Nymphaeaceae (Seerosengewächse) untergeordnet ist.

Die Nymphaeales werden in insgesamt acht Gruppen unterteilt (Anecphya, Brachyceras, Hydrocallis, Lotos, Nymphaea, Victoria, Euryale und Nuphar).

Insgesamt sind ca. 70 Arten bekannt, die überwiegend in den Tropen verbreitet sind. Es sind ausschließlich Wasserpflanzen mit teilweise untergetauchten, schwimmenden oder über das Wasser herausragenden, meist sehr großen Blättern. Die vorwiegend schraubig gebauten Blüten haben entweder eine doppelte Blütenhülle aus zwei dreizähligen Wirteln oder einen drei- bis mehrgliedrigen Kelch. Aus den Fruchtknoten entwickeln sich Schließfrüchte oder beerenartige Früchte. Die größten Schwimmblätter (bis 2 m Durchmesser) bilden die südamerikanischen Victoria-Arten, Victoria cruciana und Victoria amazonica.

Die taxonomische Bezeichnung der Seerosengewächse stellt eine Verbindung zu weiblichen Wasserwesen, den Nymphen, her.

Foto: Weiße Seerose (Nymphaea alba)
Jacek Halicki, 2016 Kwiat grzybieni białych 2, CC BY-SA 4.0

Teichrose

Die Gruppe der Nuphar hat verschiedene deutsche Namen. Allgemein wird sie Teichrose genannt.

Die Teichrose ist in Deutschland weit verbreitet und wächst häufig in Seen, Teichen und langsam fließenden Flüssen. Die Gattung Nuphar umfasst 13 Arten, die alle aus den gemäßigten Klimazonen der nördlichen Hemisphäre stammen.

Die Teichrose hat bis 2 Meter lange Rhizome und große, teils untergetauchte, teils schwimmende, grasgrüne Blätter. Die kleinen, gelben Blüten stehen auf kräftigen Stielen hoch über der Wasseroberfläche.

Foto: Gelbe Teichrose (Nymphaea lutea)

Mummel, Mümmelchen, Teichblume, Nixblume

Andere Bezeichnungen der Teichrose sind Mummel, Mümmelchen, Teichmummel oder Nixblume ist in manchen Gegenden geläufig.

Laut Wörterbuch der Deutschen Sprache 1809 (Hrsg.: Joachim Heinrich Campe) ist Mümmelchen „ein Name der Wasserlilie oder weißen Seeblume, auch wol der gelben Seeblume, welche auch Mümmelkraut genannt wird (Nymphea alba und lutea)“.

Über die Nixblume schreibt beispielsweise Jacob Grimm in seiner „Deutschen Mythologie“ von 1844:

Die Wasserlilie wird bei uns auch genannt wassermännlein und mummel, mümmelchen = müemel, mühmchen, wassermuhme, wie im alten lied die merminne ausdrücklich Morolts ›liebe muome‹ angeredet, und noch heute in Westfalen watermöme ein geisterhaftes wesen ist. […] mehrere von nixen bewohnte seen heissen mummelsee […].“

Foto: Herrenwieser See

Was bleibt

Wie schrieb schon Jacob Grimm 1844 in seiner „Deutschen Mythologie“: „Mehrere von Nixen bewohnte Seen heißen Mummelsee“. Nicht nur im Schwarzwald und nicht nur an der Hornisgrinde oder in Herrenwies. Da sind Verwechslungen nicht ausgeschlossen.

Auf dem Mummelsee an der Hornisgrinde gab es früher und gibt es auch heute keine Seerosen. Die Namensgebung des Mummelsee und die Sagenfiguren, die im knapp 18 m tiefen See hausen, lassen sich dennoch auf die Seerose zurückführen.

Die Sagenfiguren heißen Mümmelchen, Seefräulein, Seeweiblein, Nymphen oder Nixen.

Schreibers Seerosen fanden sich 1833 dann auch im Balladenzyklus von Ferdinand August Schnezler „Zehn Romanzen vom Mummelsee im Schwarzwald“. Dort werden Lilien beschrieben, die sich in der Nacht in Wasserfrauen verwandeln und in den Gewässern spielen, bis ihrem Treiben durch ihren Vater, dessen bärtiges Haupt schilfbekränzt ist, durch strenge Worte ein Ende bereitet wird.

Diese Ballade wiederum diente Jacob Götzenberger als Inspiration für seine Illustration zum Mummelsee im Rahmen der Sagenbilder für die 1842 in Baden-Baden fertiggestellte Trinkhalle.

Jacob Götzenberger: Der Mummelsee mit nächtlichem Reigen der Nixen, die bei anbrechendem Morgen durch den Geist des Wasserreichs in die Tiefe zurückgerufen werden.

Foto: Der Mummelsee an der Südseite der Hornisgrinde (August 2020, kurz nach Sonnenaufgang)