Sinterhügel am Florentinerberg

Beim Alemanneneinbruch und dem Fall des Limes wurde der römische Badeort um 260 n. Chr. durch einen Brand vernichtet. In der Folgezeit lief das Thermalwasser am Hangfuß des Haupt-Quellengebiets, dem Florentinerberg, frei ab.

Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte bildete sich ein bis zu 6 m hoher fächerförmiger Sinterhügel. Die Ausscheidung (Fällung) erfolgte vorwiegend durch Algen und Bakterien. Im Sinterhügel wurden Schnecken (Helix pomatia) und Kieselhölzer gefunden.

Der Sinterhügel wurde beim Bau des Friedrichbades (1869 bis 1877) abgetragen.

Abbildung: Rekonstruktion der Lage des Sinterhügels am heutigen Standort des Friedrichbades. Mit Darstellung der im 19. Jahrhundert von Robert Gerwig errichteten Thermalstollen unter dem Florentinerberg und Marktplatz.

Historische Beschreibungen des Sinterhügels

1794 (August Bayer)

„Unterhalb der heißen Quellen zu Baden, in dem Garten des Herrn Oberburgermeisters, Nagel, fast ganz an dem dortigen Fusse des Schloßberges, sind Felsen, welche aus einer licht nelkenbraunen und graulich weissen gefleckten, dem Pechsteine völlig ähnlich sehenden Steinart bestehet, in welcher einige Kieselkörner liegen.

An den Quellen selbst konnte man die Gesteinart, aus der das heisse Wasser hervorquillet, nicht beobachten, weil man Bedenklichkeiten machte, damals in der besten Brunnen-Curzeit, die an den Quellen angebrachten Wasserbehälter abzulassen und das dortige Gestein frisch aufzuhauen.“

(Bayer, August: Beiträge zur Bergbaukunde, Dresden, 1794)

1840 (Heinrich Schreiber)

„In dem warmen Mineralwasser bilden sich einige Produkte, die merkwürdig sind, und die wir deshalb anführen müssen. Erstens entsteht der sogenannte Badestein, der sich aus dem Niederschlag am Ausgange der Quellen bildet. Es ist eine Art Kalksinter, und schon Widmer in seiner Abhandlung über die warmen Bäder in Baden hat ihn der Beachtung werth gefunden, und mehrere Arten desselben beschrieben. In neuerer Zeit hat man in der Nähe des Frauenklosters solchen Thermalkalksinter mit eingesprengten kleinen Landconchylien von noch lebenden Arten gefunden, der ganze Felsschichten bildete.

Der Badeschlamm ist ein Gebilde des stehenden Mineralwassers, welches zu Kuren gebraucht und als erweichende Ueberschläge angewendet wird.

Der Badeschlamm ist eine eigenthümliche Art der Oscillatorien; er setzt sich, jedoch nicht häufig, im Innern der Bäder und Reservoirs an, und glänzt in dem lebhaftesten Farbenspiel. Mit der Untersuchung desselben beschäftigt sich der rühmlichst bekannte K. russische Leibarzt und Naturforscher  von Dopplemayer. Die Resultate sind nicht bekannt geworden.“

(Schreiber, Heinrich.: Baden-Baden – Die Stadt, ihre Heilquellen und Umgebung, Stuttgart, 1840)


1861 (Carl Ludwig Fridolin Ritter von Sandberger | Geologe, Paläontologe und Mineraloge)

„Die alte Trinkhalle (wo jetzt das oberste Stockwerk des Friedrichsbades steht) auf einem Quelltuffhügel aufgebaut sei und auch die Felswand bilde in den Höfen der unter ihr liegenden Häuser (jetzt Friedrichsbad) und zuletzt an der Nordseite des Klosters zum heiligen Grabe an der Staffel zu Tage kommt.

Der Sinter ist sehr porös, schmutzig-bräunlichgrau mit schwärzlichen und gelblichweißen, erdigen Flecken und häufigen fettglänzenden Ausscheidungen von der Härte und Zusammensetzung des Opals, so dass er, wie z. B. in dem Hofe des Glasermeisters Stroh stellenweise mehr einen Kieselsinter als einen Kalksinter darstellt.“

Den Opalsinter aus dem Hofe des Glasermeisters Stroh fand Nessler zusammengesetzt aus [%]:

Kohlensaurem Kalk: 15,75

kohlensaurer Bittererde: 1,36

Kieselerde: 72,36

Eisenoxyd (manganhaltig): 2,83

Kali: 1,53

Natron: 0,27

Organischen Stoffen: 1,81

Wasser: 3,09

Summe: 99,00 [im Original steht 100,00]

(Sandberger, Fridolin: Geologische Beschreibung der Gegend von Baden, Karlsruhe, 1861)

1869/1870

Der Neubau des Friedrichsbades (Grundfläche: 4.000 m²) war nur durch den Erwerb eines „ganzen Häuserqaudrates“ möglich (Kosten: 514.000 Mark). Nachdem die Gebäude „niedergelegt“ waren, wurden der Sinterhügel abgetragen, um das Friedrichsbad zu fundamentieren.

(Schnars, Carl Wilhelm: Baden-Baden und Umgebung, 1878)

Oskar Rössler schreibt ergänzend dazu:

„Die gewonnenen Sintergesteine wurden zum inneren Ausbau der Fettquellgrotte, zur Errichtung des Springbrunnens in der Lichtentaler Allee und ähnlichen Zierzwecken verwendet; der stark radiumhaltige Schutt aber zum Auffüllen des Platzes der Turnhalle und der vor dem Landesbad liegenden Wiesen im Rotenbachtale benutzt.“

(Rössler, Oskar: Baden-Baden als Heilbad, 1939)

Ostansicht Friedrichsbad. Im Vordergrund die Friedrichsbadterrasse am Römerplatz. So ungefähr könnte der Sinterhügel vor der Bebauung des Areals unterhalb des Florentinerberges ausgesehen haben. Für den Bau des Friedrichsbades wurde 1869 der Hang mit den Sinterablagerungen abgetragen.

1871/1891 (Adolph Knop | Geologe und Mineraloge)

„Sinter bestehend aus einem lagen- und regionenweisen Wechsel von Kalkspath (theilweise in Drusen in spitzen Skalenoedern krystallisirt) von gelber oder, wenn manganhaltig, von schwärzlicher Farbe und von Opal, welcher ebenso in der Farbe wechselt. Er war sehr cavernös, reich an Einschlüssen von Helix pomatia und anderen Helix-Arten und enthielt ferner zahlreiche Kieselhölzer, welche Coniferen angehörten, Kieselröhren vom Bau des Stengels gewisser Umbelliferen, etwa von Heracleum oder Angelica sylvestris und in einer Höhlung 5 wohlerhaltene Skelete von Schlangen, deren Rippen und Wirbelsäule mit durchsichtigen Kalkspathskalenoedern zart und leicht überdrust waren. „Namentlich Oscillatoria smaragdina hat den kohlensauren Kalk des Sinterhügels abgeschieden“.

(Knop, Adolph.: Sinterhügel in Baden, 1871)

(Knop, Adolph: Ueber Kaikabscheidungen aus widriger Lösung. 1891)

1878 (C.W. Schnars | Arzt und Forschungsreisender)

„Mit den Ausgrabungen für das Fundament des neuen Dampfbades auf unsicherem Boden und mit der Sicherung des angrenzenden Bergterrains durch Stützmauern waren sehr grosse, kaum vorherzusehende Schwierigkeiten und Kosten verbunden. Hierbei wurden interessante geologische und archäologische Entdeckungen gemacht. Letztere bestanden in Ueberresten römischer Badanlagen; das meiste war mit einer schwärzlichen Sinterschicht von durchschnittlich 13—15 Fuss Dicke überdeckt. Nachdem die römischen Bauten zerstört worden waren, hatte sich nämlich das, bis dahin in Leitungen gefasste Thermalwasser frei über die Ruinen ergossen und in circa 1500 Jahren diese, aus Kieselsinter bestehende Schicht gebildet, welche demnach in je 100 Jahren etwa 1 Fuss hoch gewachsen war.“ 

(Schnars, Carl Wilhelm: Baden-Baden und Umgebung, 1878)


Oskar Rössler schreibt ergänzend dazu:

 Das Alter des 9 Meter hohen Hügels wäre dann auf etwa 3.000 Jahre zu schätzen gewesen. Ohne Zweifel würde noch Vieles entdeckt werden, wenn es möglich wäre unter der Stiftskirche, der „Rose“ und anderen Häusern zu graben. (…)“

(Rössler, Oskar: Baden-Baden als Heilbad, 1939)

1918 (Hans Rössler | Apotheker) 

„Nach der Meinung Knops (Knop, Sinterhügel in Baden-Baden, Stuttgart 1869) ist es die Alge Oscillaria smaragdina, welche aus den heißen Quellen Kalk abscheidet. Man kannte damals eben noch nicht die thermophylen Bakterien, welche nicht nur Kalk, sondern auch Eisen und Mangan aus der Therme abscheiden und eine ganz gewaltige chemische Arbeit leisten“.

(Rössler, Hans: Über thermophyle Bakterien der Badener Thermalquellen, Heidelberg 1918)


1939 (Oskar Rössler | Apotheker)

„Diese [die Quellen] entspringen am Abhang des jäh ansteigenden Florentinerberges, hinter dem alten Dampfbad, etwa auf der Höhe des Friedrichsbades. Wir dürfen uns den Schloßberg in jener Zeit ebenso wenig bewaldet vorstellen, wie dies heute der Fall ist; besonders im eigentlichen Gebiet der heißen Quellen ist an ein Vorkommen von Bäumen nicht zu denken, denn unser heißes Wasser duldet in Nachbarschaft keine Entwicklung höherer Pflanzen.

Im Laufe der Jahrtausende setzten die Quellen Kalk-Kieselsinter ab, welche die ursprüngliche Form des Berges änderten. So mußte beim Bau des Friedrichsbades im Jahre 1869/70 ein Hügel von etwa 9 Meter Höhe und beträchtlichem Umfange, aus Quellsinter gebildet, weggesprengt werden.

In den obersten Schichten fanden sich Trümmer aus der Römerzeit eingebettet, also aus einer Zeit vor etwa 1.800 Jahren, und in den tieferen Schichten als Zeugen der Vorzeit: Reste von Tannen und Eichen vor, welche wohl den Berg herabgerollt und von der Quelle allmählich inkrustiert – versteinert – worden waren, darunter auch ein mächtiger Stamm einer Eiche.

Durch die Sinterbildung wurden aber auch die Abflüsse der heißen Quellen öfters verstopft und das Wasser mußte einen anderen Lauf nehmen. So läßt sich nachweisen, daß eine der heißen Quellen ihren Weg über den Marktplatz in der Richtung der Büttenstraße nahm.

Für uns Buben war der Sinterhügel am Friedrichsbad damals eine ergiebige Fundgrube für unsere Stein- und Altertumssammlungen, denn außer den Inkrustationen fanden sich reichlich schöne gelbe und braungefärbte Kalkspatkristalle, Terra sigillata und andere römische Tonwarenscherben, ja, ein ganz Glücklicher fand einmal auch eine römische Kupfermünze.

(Rössler, Oskar: Baden-Baden als Heilbad, 1939)

Textquellen:

Bayer, August (1794): Beytraege zur Bergbaukunde. In der Waltherischen Hofbuchhaltung, Dresden, März 1794.

Schreiber, Heinrich (1840): Baden-Baden – Die Stadt, ihre Heilquellen und Umgebung. Taschenbuch für Fremde und Einheimische, mit Ausflügen in die gegend und die Bäder des Schwarzwaldes, nebst geognostischen, botanischen und literarischen Zugaben und örtlichen Nachweisungen. Verlag der J. B. Metzler’schen Buchhandlung, Stuttgart, 1840.

Sandberger, Fridolin (1861): Geologische Beschreibung der Gegend von Baden. Herausgegeben von dem Großherzoglichen Handels-Ministerium, Carlsruhe, Chr. Fr. Müller´sche Hofbuchhandlung, 1861.

Knop, Adolph (1871): Sinterhügel in Baden. — Verh. d. naturw. Ver. in Carlsruhe, 1871, H 5, S. 21.

Schnars, Carl Wilhelm (1878): Baden-Baden und Umgebung. Neuester zuverlässiger Führer. Mit einem Plan der Stadt, einer Karte der Umgebung, sowie einer Karte des Schwarzwaldes und Anleitung zu 12 grösseren Tagesausflügen. Verlag der C. Wild’schen Buchhandlung, Baden-Baden, 1878.

Knop, Adolph (1891): Ueber Kaikabscheidungen aus widriger Lösung. A. Allgemeine.“. [S. 12: Sinterhügel in Baden-Baden.]Bericht über die XXIll. Versammlung d. Oberrhein, geolog. Vereins Sigmaringen am 10. April 1890. Stuttgart, [1891.] S. 9-14.

Eck, Heinrich (1892): Geognostische Beschreibung der Gegend von Baden-Baden, Rothenfels, Gernsbach und Herrenalb. Herausgegeben von der Königlich Preussischen geologischen Landesanstalt, Berlin. In Verlag bei der Simon Schropp’schen Hof-Landkartenhandlung (J. H. Neumann), 1892.

Rössler, Oskar (1939): Baden-Baden als Heilbad. Gesammelte Aufsätze. Verlag Ernst Brockhoff Nachf. Wilhelm Fehrholz, Baden-Baden, 1939.


Sinterspuren heute

Auch heute fällt im Thermalwasser noch Kieselsinter aus, allerdings für die meisten Menschen unsichtbar, nämlich in sämtlichen Wasserleitungen und auch an den unterirdischen Wasseraustritten und in den Ablaufrinnen im Stollensystem am Florentinerberg.


Friedrichsbad

Aus dem Material des abgetragenen Sinterhügels wurde im Dampfbad des Friedrichsbades eine kaskadenartig aufgemauerte Wand hergestellt, über die Thermalwasser geleitet wird, das beim herunterplätschern verdampft.

Brunnengrotte Fettquelle

In der Brunnengrotte der Fettquelle, im Stützmauerwerk der Dernfeldstaffeln am Römerplatz, wurde Abbruchmaterial des Sinterhügels für jedermann sichtbar zur Auskleidung verbaut.

Foto links: Die Brunnengrotte der Fettquelle (der schmutzug-graue Kalksinter hebt sich deutlich vom roten Natursteinmauerwerk ab (Treppenanlage Dernfeldstaffeln: hellroter Leisbergporphyr; Friedrichsbad: Buntsandstein). Oktober 2022

Foto rechts: Detailaufnahme Brunnengrotte Fettquelle: Sintersteine mit feinlagiger Bänderung (Oktober 2022)


Sinterbrunnen Lichtentaler Allee

Weitere Reste des ehemaligen Sinterhügels am Florentinerberg findet man auch in der Lichtentaler Allee, wo vor der Kulisse der Kunsthalle und des Museums Frieder Burda, Sintersteine zu einem Springbrunnen aufgetürmt wurden.

Foto: Sinterbrunnen gegenüber der Kunsthalle und dem Museum Frieder Burda in der Lichtentaler Allee (März 2026)

Laut Stadtwiki Baden-Baden (Abfrage im Mai 2026) wurde der Brunnen anfänglich aus dem oberen Solmssee mit Wasser versorgt. Später kam das Wasser durch eine Pumpe direkt aus der Oos. Dies hatte zur Folge, dass bei Niedrigwasser im Sommer der Brunnen nicht betrieben werden konnte. 1991 wurde schließlich eine Wanne unter dem Brunnen installiert, so dass nun nur noch geringfügige Mengen aus der Oos entnommen werden müssen. Bei dieser Maßnahme wurden alle Steine durchnummeriert, entfernt und danach wieder an ihrem ursprünglichen Ort verbaut.