van Gogh
1853-1890
Inhalt
Geburt
Kindheit und Jugend
Berufssuche
Beginn als Maler
Die Jahre 1880 bis 1890
Vincent und Theo
Briefe
Links
Van Gogh Europe Foundation
Geburt
Vincent van Gogh wurde am 30. März 1853 in Zundert, einem kleinen Dorf in Nordbrabant (Niederlande) geboren. Seine Eltern waren Theodorus van Gogh, ein evangelischer Pastor und Anna Cornelia Carbentus, die Tochter des königlichen Buchbinders Willem Carbentus in Den Haag.
Theodorus van Gogh (Vincents Vater)
Anna Cornelia Carbentus (Vincents Mutter)
Das Pfarrhaus in Zundert (Nordbrabant, Niederlande). Hier wurde Vincent Willem van Gogh am 30.03.1853 geboren. Auf den Tag genau ein Jahr nach der Todgeburt seines gleichnamigen Bruders, dessen Grab noch heute auf dem Friedhof in Zundert existiert. Das Haus wurde 1903 abgerissen, heute befindet sich hier das Kunstzentrum „Van-Gogh-Haus“.
Foto von F. Reissig, Ginnekenstraat B129, Breda (1900). Anlass des Fotos war der 100jährige Geburtstag von Johannes van Lieshout, einem Einwohner von Zundert.
Seine Verwandtschaft hatte Wohlstand durch das Handeln mit Malerei erworben. Die Großfamilie Van Gogh gehörte zum gehobenen Bürgertum. Sein gleichnamiger Onkel und Pate (kurz: „Onkel Cent“) war Teilhaber und Partner bei der bedeutenden Kunsthandelsfirma Goupil & Cie (mit Filialen in Paris, London und Den Haag). Von ihm erhielt Vincent seine erste Aquarellbox als Geschenk, als er beschloss, Künstler zu werden.
Kindheit und Jugend
Nach Vincent wurden noch fünf jüngere Geschwister geboren:
Anna (1855–1930), Theo (1857–1891), Elisabeth „Lies“ (1859–1936), Willemien „Wil“ (1862–1941) und Cor (1867–1900).
Die Familie unternahm häufig Spaziergänge in der Umgebung von Zundert, welche bei Vincent früh eine Liebe zur Natur entstehen ließen; davon zeugen viele seiner Bilder.
Seine Mutter hatte eine besonders enge Beziehung zu ihm und sorgte in den ersten Schuljahren für Hausunterricht, den sie und eine Gouvernante gaben. Dieses Privileg endete mit dem Wachsen der Kinderschar, so dass er doch noch einige Zeit auf die Dorfschule in Zundert gehen musste.
Internat in Zevenbergen
Nachdem er zuerst die Dorfschule in Zundert besucht hatte, wurde Vincent mit elfeinhalb Jahren in ein Internat in Zevenbergen gegeben.
Höhere Bürgerschule in Tilburg
Ab 1866, im Alter von 13 Jahren, wurde Vincent als Kostgänger nach Tilburg geschickt, um dort die höhere Bürgerschule im ehemaligen Palast von König Wilhelm II. zu besuchen. In Brabant war es die einzige weiterführende Schule, eine staatliche Institution von hohem Ansehen, die von den Erben des Königs gegründet wurde. Nur 36 Jungen wurden zugelassen, in Vincents Klasse waren 10 Schüler. Die Lehrer waren zahlreich und auserlesen, sie kamen von Universitäten.
Er wohnte privat bei einer Familie. Dort lernte er Französisch, Englisch und Deutsch (später las er französische und englische Bücher in der Originalsprache und korrespondierte mit seinen Geschwistern auf Französisch). Von September 1866 bis März 1868 erhielt er in Tilburg richtigen Zeichen- und Kunstunterricht. Malerei gehörte theoretisch und praktisch zum Unterrichtsplan und hatte mit vier Wochenstunden einen hohen Stellenwert.
Vincent machte dort als Jugendlicher seine erste Zeichnung von zwei Bauern, die auf einer Schaufel lehnen. Mit Constant Cornelis Huijsmans hatte Vincent auf der Schule den wichtigsten holländischen Maler der Avantgarde zum Lehrer. Er brachte ihm die Art zu sehen und zu malen bei, an die Vincent später anknüpfte, als er sich in Paris mit den Nachfolgern dieser „Schule“ zusammen tat.
Trotz guter Noten, insbesondere in den Fremdsprachen, verließ er die Schule bereits im März 1868 während seines zweiten Schuljahres. Der Grund ist unbekannt.
Die folgenden 15 Monate verbrachte er bei seinen Eltern; womit er sich dort beschäftigte, ist nicht belegt.
Berufssuche
Im Juli 1869 begann er nach einem Beschluss des Familienrats eine Ausbildung in der Den Haager Filiale der Kunsthandlung Goupil & Cie, der sein Onkel Cent als Teilhaber angehörte.
Vincent im Jahr 1873 im Alter von 19 Jahren.
Nach dem Ende seiner Ausbildung wurde er im Sommer 1873 in die Londoner Filiale versetzt, später arbeitete er ausschließlich in der Filiale in Paris. Dort kapselte er sich zunehmend ab und zeigte auch im Dienst ein auffälliges Verhalten. Immer stärker wandte er sich der Religion zu; er las nur noch in der Bibel und in Erbauungsbüchern. Zum April 1876 wurde ihm gekündigt.
Während der folgenden dreieinhalb Jahre versuchte er sich erfolglos in unterschiedlichen Berufen.
Nach einer kurzen Anstellung als Hilfsleher an einer Schule in Ramsgate (Kent) wechselte er zu einer anderen Schule in Isleworth, die von einem Methodistenpfarrer geleitet wurde. Hier hatte er die Möglichkeit, auch als Hilfspfarrer in der Schule und den umliegenden Dörfern tätig zu sein.
Weihnachten 1876 verbrachte er bei seinen mittlerweile nach Etten versetzten Eltern; auf Rat seines Vaters kehrte er nicht nach England zurück.
Es folgte ein kurzes Volontariat in einer Buchhandlung, erneut durch seinen Onkel vermittelt, das Vincent allerdings abbrach. Begründet durch seine wachsende Religiosität, entschloss er sich nun zu einem Theologiestudium. Seine Eltern stimmten diesem Plan nach einigen Monaten zu.
Er zog zu einem Onkel nach Amsterdam, wo er zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung der Universität Privatunterricht in Latein, Griechisch und Mathematik bei einem weiteren Onkel, der Minister war, nahm. Nach einem knappen Jahr gab er den Unterricht jedoch wieder auf.
Vincent zog es vor, sich auf lange Spaziergänge durch die umliegende Landschaft zu begeben. Sein Onkel, der Minister, riet ihm, sein Studium aufzugeben. Daraufhin besuchte er ab August 1878 ein Seminar für Laienprediger in Brüssel, wurde aber nach der dreimonatigen Probezeit als ungeeignet eingestuft, wohl, weil er sich im Unterricht nicht hatte ein- und unterordnen können.
Dennoch fand er probeweise eine Anstellung als Hilfsprediger im Borinage bei Mons, einem belgischen Steinkohlerevier, wo die Menschen unter besonders harten Bedingungen lebten.
Dort identifizierte er sich in hohem Maße mit dem Schicksal der Bergarbeiter. Er verschenkte Kleidungsstücke, vernachlässigte sein Äußeres und lebte in ärmlichsten Verhältnissen.
Das entsprach nicht den Vorstellungen seiner Vorgesetzten, und im Juli 1879 erfuhr Vincent, dass seine Anstellung nicht verlängert werden würde. Diese zweifache Zurückweisung seitens der Kirche ist ein Grund dafür, dass er sich in der Folgezeit vom Christentum völlig abwandte. Entscheidend ist der Konflikt mit seinem Vater, der aufhörte, leuchtendes Vorbild zu sein.
So wie Vincent Partei nahm für die ausgebeuteten Minenarbeiter und die bürgerlichen Kleider ablegte, geriet er in heftigen Streit mit dem Vater, dessen Kirche auf Seiten der Minenbesitzer, der Kleriker und des Bürgertums agierte.
Er blieb noch ein Jahr im Borinage, zeichnete viel und dachte nun daran, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen.
Beginn als Maler
Erst im Alter von 27 Jahren beschloss Vincent Maler zu werden. In den nur 10 Jahren, die ihm in seinem Leben noch verblieben, schuf er über 900 Gemälde und über 1.000 Zeichnungen.
Nicht nur sein künstlerisches Schaffen, auch sein Leben verdient allerhöchste Wertschätzung und Anerkennung. Durch ca. 900 heute noch erhaltene Briefe wurde der Nachwelt viel Wissen „aus erster Hand“ über Vincent und auch seinem für ihn so wichtigen Bruder Theo überliefert.
Vincent und Theo waren ein besonderes Brüderpaar.
Die hier gesammelten Informationen sollen den Lebensweg von Vincent kurz skizzieren, v.a. aber seine Wirkungsorte auf Karten lokalisieren. Auch über 135 Jahre nach seinem Tod lassen sich dort noch heute Spuren seines Lebens und Schaffens finden.
Die Jahre 1880 bis 1890
1880
Vincent begann wie damals üblich mit Zeichenunterricht, auch autodidaktisch, zeichnete nach Lehrbüchern und kopierte von ihm bewunderte Zeichnungen und Drucke. Um in Kontakt mit Kunst und Künstlern zu kommen, zog er im Oktober 1880 nach Brüssel, wo er sich auf der Kunstakademie einschrieb.
1881
Im April 1881 kehrte er ins Elternhaus nach Etten zurück, wo er sich im Pfarrhaus ein Atelier einrichtete. Mitglieder der Pfarrei standen für ihn kostenfrei Modell.
Vincent van Gogh: „Pfarrhaus und Kirche in Etten-Leur“ (1876).Vincents Eltern lebten von 1875 bis 1882 im Pfarrhaus, er selbst v.a. ab April 1881, nach seinem zweiten Aufenthalt in Brüssel, bevor es ihn dann im November 1881 nach Den Haag zog.
An Weihnachten 1881 verließ Vincent sein Elternhaus endgültig und zog nach Den Haag. Er bekam ab November 1881 Zeichen- und Malunterricht bei Anton Mauve. Der Vetter war ein guter, anerkannter Maler und nahm den fünfzehn Jahre jüngeren Vincent unter seine Fittiche. Er lud Vincent zu sich ein, unterstützte ihn (auch finanziell) und half ihm technisch. Er war überzeugt, dass in Vincent ein Maler steckte. Er versuchte, ihm das Aquarellieren zu lehren. Anton Mauve spielte eine zentrale Rolle in Den Haag und erleichterte seinem Vetter Vincent den Einstieg in die Malerei.
Vincent van Gogh: „Die Häuser am Schenkweg“ (1882, 400 x 690 mm, Privatbesitz). Hier wohnte Vincent vom 1. Januar 1882 bis 11. September 1883 (zuerst im Schenkweg 138, dann nebenan im Schenkweg 136).
1882
Im Mai 1882 verwarfen sich Vincent und Mauve unwiederbringlich. Am Jahresende schrieb er:
„Ich spüre in mir eine Kraft, die ich entwickeln möchte, ein Feuer, das ich nicht ausgehen lassen kann, das ich schüren muss, ohne dass ich wüsste, welches Ergebnis dabei herauskommt; ich würde nicht erstaunt sein, wenn das Ergebnis traurig wäre.“
1883
Im Herbst 1883 ging er für drei Monte in die Provinz Drenthe, um die dortige Heide und Moore zu malen.
Das Wetter und die Isolation machten ihm zu schaffen, weshalb er sich wieder zu seinen Eltern, die nun in Nuenen (Pfarrhaus) wohnten, begab. Dort zog er im Dezember 1883 ein und arbeitete in einem Atelier in einem kleinen Anbau auf der Rückseite des Wohngebäudes.
Das ehemalige Pfarrhaus in Nuenen. (Adresse: Berg 26, Nuenen). Hier wohnte Vincent vom 5. Dezember 1883 bis 24. November 1885. Foto vom August 2026.
Vincent van Gogh: Das Pfarrhaus in Nuenen (Oktober 1885, Öl auf Leinwand, 33 x 43 cm, Van Gogh Museum, Amsterdam)
1884
Anfang 1884 schlug er seinem Bruder Theo vor, ihm seine Arbeiten als Gegenleistung für die finanzielle Unterstützung zu überlassen. Der Plan war, dass Theo diese auf dem Pariser Kunstmarkt verkaufen sollte, jedoch waren van Goghs Bilder für den französischen Markt zu düster.
Ab Mai 1884 mietete Vincent ein Atelier beim katholischen Küster Johannes Schafrat. Dort malte er die Bauern und Landarbeiter. Mit der Zeit wurde es schwierig, Modelle zu finden. Der Pfarrer verbot seinen Gemeindemitgliedern, als Modell zu posieren. Er würde sie sogar dafür bezahlen, wenn sie es nicht täten.
Dies ist einer der Gründe, warum Vincent Ende November Nuenen verließ und nach Antwerpen aufbrach. Zudem hoffte er, dort an der Akademie noch etwas dazulernen zu können, und sehnte sich nach einer Kunstwelt, die er so lange hatte vermissen müssen.
Im Jahr 1914 hielt Anton Kerssemakers, mit dem Vincent befreundet war, seine Erinnerungen an das Atelier schriftlich fest.
Das Küsterhaus wurde 1936 abgerissen.
Das Küsterhaus von Johannes Schafrat in Nuenen, in dem Vincent 1884 im Dachgeschoss zwei Zimmer anmietete und sich ein Atelier einrichtete. Das Gebäude neben der Clemenskirche wurde 1936 abgerissen.
Heute befindet sich an dieser Stelle, direkt links neben der Kirche, ein anderes Gebäude (Adresse: Park 49-51). Aktuelles Foto: Van Gogh Sites Foundation
1885
Nachdem sein Vater im März 1885 gestorben war, zog Vincent van Gogh aus dem Elternhaus in sein Atelier und begann seine Arbeit an dem Gemälde Die Kartoffelesser. Während der Arbeit an diesem Werk ernährte er sich schlecht und rauchte viel.
Am Ende des Jahres 1885 traf er die Entscheidung, sich an der Kunstakademie in Antwerpen einzuschreiben. Drei Monate blieb Vincent van Gogh in Antwerpen. Der Maler sparte lieber am Essen als an Malmaterialien; in seinen Briefen klagte er über gesundheitliche Probleme und Schwäche infolge der mangelhaften Ernährung. Die Kurse an der Kunstakademie besuchte der nun 32-Jährige hauptsächlich, weil ihm dort Modelle und geheizte Räume kostenlos zur Verfügung standen. Des Weiteren bot Antwerpen Kirchen und Museen voller Kunst. Die Inhalte der Kurse waren ihm jedoch zu traditionell. Von ehemaligen Mitstudenten sind Berichte überliefert, die ihn wiederum als Sonderling und Außenseiter beschreiben.
1886
Als an der Akademie im März 1886 die Ferien begannen, fuhr van Gogh zu seinem Bruder Theo nach Paris, dem damaligen Zentrum der Kunstwelt. Nicht ohne Bedenken nahm Theo den Bruder in seiner Wohnung auf. Tatsächlich sollte das zweijährige Zusammenleben der beiden von Höhen und Tiefen geprägt sein. Er wohnte in der Rue Laval und leitete die Niederlassung am Boulevard Montmartre 19.
In Paris wendete sich van Gogh dem dort aktuellen Kunststil Impressionismus zu. Unter diesem Eindruck hellte seine vormals dunkle Palette sich auf, und er begann, mit verschiedenen Maltechniken zu experimentieren. Er malte viel im Freien, vor allem in der ländlichen Umgebung von Paris, so am Montmartre und in Asnières.
Im Winter 1886 zogen die Brüder in eine größere Wohnung am Montmartre (54 Rue Lépic), Vincent zog 1887 wieder aus.
Vincent lebte von Juni 1886 bis Februar 1888 zusammen mit seinem Bruder Theo am Montmartre in der Rue Lepic 54, dem Gebäude in der Bildmitte rechts der Straße. Foto von 1965. Datenquelle: Nationaal Archief. Gemeinfrei.
1888
Am 19. Februar 1888 reiste er in das südfranzösische Arles, das ursprünglich nur als Zwischenstation nach Marseille gedacht war. Doch blieb er in diesem Provinznest hängen, weil sein „Atelier des Südens“ hier Gestalt annahm.
Er wohnte zunächst im Hotel Carrel. Im April mietete er ein Atelier im Gelben Haus, wo er ab September auch wohnte, nachdem er auch noch die anderen Zimmer im Haus gemietet hatte. Dazwischen wohnte er in einem Zimmer im Café von Herrn und Frau Ginoux, die er auch porträtierte. Das Gelbe Haus fiel bei der Befreiung von den Nazis einem Bombardement der US-Armee zum Opfer.
Vincent van Gogh: „Das Gelbe Haus“ am Place Lamartine 2 (September 1888). Hier mietete Vincent im April 1888 mehrere Räume an um sichzunächst ein Atelier einzurichten. Ab September 1888 wohnte er auch hier. Das Foto stammt aus den 1920er Jahren. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
In künstlerischer Hinsicht war der Arleser Aufenthalt besonders produktiv; in sechzehn Monaten schuf van Gogh 187 Gemälde. In Ermangelung von Modellen wandte er sich zunächst der Landschaft zu.
Nachdem er im September seine Wohnung fertig möbliert hatte, konnte van Gogh daran denken, einen lang gehegten Traum zu verwirklichen: das Atelier des Südens, in dem Künstler gemeinsam lebten und arbeiteten. Einzig Paul Gauguin erklärte sich jedoch nach langem Zögern bereit zu kommen, nachdem Theo van Gogh ihm die Übernahme der Reisekosten sowie eine monatliche Unterstützung zugesagt hatte.
Am 23. Dezember 1888 endet das Zusammenleben mit Gauguin. Nach Zeitungsberichten aus Arles schnitt sich Vincent gegen 23:30 das linke Ohr ab.
Gauguin verließ Arles und sah Vincent nie wieder. Vincent wurde ins Krankenhaus in Arles eingeliefert und befand sich aufgrund seines Blutverlustes einige Tage in kritischem Zustand.
Vincent van Gogh: „Schlafsaal im Krankenhaus von Arles“, April 1889, Öl auf Leinwand, 74 cm x 92 cm, Sammlung Oskar Reinhart, Winterthur.
Er erhielt sofort Besuch von seinem Bruder Theo (den Gauguin benachrichtigt hatte), von Madame Ginoux und auch vom Postbeamten Joseph Roulin.
Im Januar 1889 kehrt Vincent in das Gelbe Haus zurück, verbringt aber den folgenden Monat wechselnd zwischen Krankenhaus und Wohnung, von Halluzinationen und Verfolgungswahn geplagt, dass er vergiftet worden sei.
Nach einer Anwohnerpetition sperrte die Polizei im März das Gelbe Haus. Vincent schilderte die Situation in einem Brief vom 19. März 1889 an Theo (Brief 579):
„Aus Deinem guten Brief spricht soviel brüderliche Besorgnis, daß ich mich verpflichtet fühle, mein Schweigen zu brechen. Ich schreibe Dir im vollen Besitz meiner geistigen Fähigkeiten und nicht als ein Geisteskranker, sondern als der Bruder, den Du kennst.
Folgendes hat sich zugetragen. Eine gewisse Anzahl von Leuten hier hat an den Bürgermeister … eine Eingabe mit über achtzig Unterschriften gemacht, in der sie mich als einen Menschen bezeichnen, den man nicht frei herumlaufen lassen dürfe, oder so was Ähnliches. Daraufhin hat der Polizeikommissar oder der Bezirkskommissar den Befehl gegeben, mich von neuem zu internieren. Also sitze ich schon tagelang hinter Schloß und Riegel unter Aufsicht der Krankenwärter in der Irrenzelle, ohne dass meine Strafbarkeit bewiesen oder auch nur beweisbar wäre….
Aber begreifst Du, es war für mich ein schwerer Stoß vor die Brust, als ich sah, daß es hier so viele Leute gibt, die feige genug sind, sich gegen einen einzigen, noch dazu gegen einen Kranken, zu verbünden.“
Auf seinem Weg nach Cassis am Mittelmeer besuchte der in Saint-Tropez lebende Maler Paul Signac Ende März 1889 Vincent im Krankenhaus. Beide betraten noch einmal das seit Wochen verriegelte „Gelbe Haus“. Durch Regen und Hochwasser hatten einige Bilder Schaden genommen. Vincent hatte nicht mehr die Kraft, auf den Trümmern seiner Existenz ein neues Zuhause einzurichten.
Im April 1889 zog Vincent vorübergehend in die Räumlichkeiten von Dr. Rey. In ihm reifte der Entschluss, sich in eine Heilanstalt zu begeben.
1889
Am 8. Mai 1889 verließ Vincent Arles mit dem Zug und fuhr in Begleitung von Frédéric Salles, Pastor der evangelisch-reformierten Kirche in Arles, zu der privat geführten Nervenheilanstalt in der Abtei Saint-Paul-de-Mausole in St. Rémy-de-Provence.
Der Direktor der Anstalt, Théophile-Zacharie-Auguste Peyron (1827–1895), vermerkte am 9. Mai, dass der Patient van Gogh unter akuter Manie mit visuellen und auditorischen Halluzinationen leide.
in einem Brief an Theo vom 22. August erzählte Vincent von seinem jüngsten Anfall und beschrieb seinen inneren Zustand als ungeordnet. Er bat Theo, an Dr. Peyron zu schreiben und ihm klarzumachen, wie wichtig die Malerei für seine Genesung sei. Vermutlich wollte Dr. Peyron Vincent vom Malen abhalten, nachdem dieser giftige Farben zu sich genommen hatte. Eine weitere Krise folgte zu Weihnachten, in deren Verlauf er (ebenso wie während eines weiteren Anfalls Ende des Jahres) versuchte, giftige Farben zu schlucken, was als Suizidversuch gewertet wurde.
Zwischen September 1889 und April 1890 reichte Theo Gemälde van Goghs zu drei namhaften Ausstellungen avantgardistischer Kunst ein. Damit erreichte der Maler erstmals eine breitere Öffentlichkeit. Die Reaktionen waren anerkennend und gipfelten in einem begeisterten Artikel des Kritikers Gabriel-Albert Aurier in einer Kunstzeitschrift. Zudem wurde auf einer der Ausstellungen Anfang 1890 das Bild Die roten Weingärten von Arles van Goghs verkauft – es handelt sich um den einzigen belegten Verkauf aus seiner reifen Periode.
Schon seit dem Herbst verfolgte van Gogh die Absicht, die Anstalt, in der er sich als ein Gefangener fühlte, zu verlassen und wieder in den Norden zu ziehen. Damit stellte sich die Frage nach einem Ort, an dem er die notwendige Betreuung erhielte.
Vincent van Gogh: „Blick auf die Kirche von Saint-Paul-de-Mausole“ (Herbst 1889). Vincent befand sich vom 8. Mai 1889 bis 16. Mai 1890 in der psychiatrischen Klinik Saint-Paul-de-Mausole.
1890
Im Frühjahr 1890 schien die Frage gelöst: In Auvers-sur-Oise, ca.
Am 17. Mai 1890 traf Vincent van Gogh in Paris bei seinem Bruder, dessen Frau Jo und dem Ende Januar geborenen, ebenfalls Vincent genannten Sohn ein. Nach drei Tagen reiste Vincent van Gogh nach Auvers zu Dr. Gachet weiter.
In Auvers fiel der Maler in einen wahren Schaffensrausch. In 70 Tagen schuf er rund 80 Gemälde und 60 Zeichnungen. Das noch ländliche Auvers mit seinen strohgedeckten Hütten bot ihm zahlreiche Motive.
Am 27. Juli verließ van Gogh seine Herberge mit Staffelei und Farben, um draußen zu malen. Im Laufe des Tages schoss er sich vermutlich selbst im Freien eine Kugel in die Brust, konnte aber noch zum Gasthof zurückkehren. Die Kugel bohrte sich nicht tief in den Körper, sondern prallte an einer Rippe ab und wanderte in den Bauchraum. Das Einschussloch lag direkt unter seinem Herzen. Die beiden herbeigerufenen Ärzte, darunter Dr. Gachet, wollten oder konnten die Kugel nicht entfernen. Theo machte sich früh am 28. Juli auf den Weg von Paris nach Auvers.
Vincent van Gogh starb letztendlich nach 30-stündigem Todeskampf am 29. Juli im Beisein seines Bruders. Vincent wurde nur 37 Jahre alt.
Nur ein halbes Jahr später verstarb auch Theo, im Alter von nur 33 Jahren, an den Folgen einer Syphiliserkrankung. Die Gräber der Brüder liegen heute, Seite an Seite, auf dem Friedhof von Auvers-sur-Oise.
Auberge Ravoux: Vincents Wohhaus und Sterbeort in Auvers-sur-Oise (Juni 2021). Hier mietete sich Vincent am 20. Mai 1890 ein. Sein Sterbezimmer wurde nach seinem Tod am 29. Juli 1890 offenbar nie wieder vermietet.
Chabe01, Auberge Ravoux – Auvers-sur-Oise (FR95) – 2021-06-13 – 2, CC BY-SA 4.0
Das Grab von Vincent und Theo auf dem Friedhof in Auvers-sur-Oise (Foto von 2005).
Gemeinfrei.
Vincent und Theo
Ab Mitte 1880 kam der vier Jahre jüngere Bruder Theo anstelle des Vaters für Vincents Lebensunterhalt auf. Theo war, wie seinerzeit auch Vincent, ebenfalls bei Goupil eingetreten und leitete nun eine Pariser Filiale der Kunsthandlung.
Theo protegierte – sehr zum Leidwesen seiner Chefs – aufstrebende junge Maler der Avantgarde (zum Beispiel den Impressionisten Claude Monet, aber auch Paul Gauguin) und kaufte ihnen Bilder ab.
So kam es zum Pakt zwischen den Brüdern: Der Händler Theo finanzierte den Lebensunterhalt des Malers Vincent, der ihm dafür alle seine Bilder überließ. Obwohl die Unterstützung keineswegs gering bemessen war, lebte Vincent van Gogh weiter in ständiger Geldnot. Es gab keinen festen Geldbetrag, sondern Vincent schrieb, wenn er Geld brauchte, so dass die Korrespondenz voller Geldforderungen ist. Bei geringstem Lebensstandard floss das allermeiste Geld in Malutensilien, vor allem Farben.
Theos Einkommen reichte dafür, auch noch die Mutter und zwei Schwestern zu unterstützen.
Vincent van Gogh (1853 – 1890)
Das Foto ist das einzige fotografische Abbild des Künstlers, das vom Van Gogh Museum Amsterdam authentifiziert wurde.
Es stammt aus dem Jahr 1873, als er gerade einmal 19 Jahre alt war und für die Galerie Goupil & Cie in Den Haag arbeitete.
Van Gogh signierte seine Werke schlicht mit seinem Vornamen.
Theo van Gogh (1857 – 1891)
Ein Foto, das bislang zu den beiden einzigen Aufnahmen von Vincent van Gogh zählte, zeigt in Wirklichkeit seinen Bruder Theo.
… so 2018 die Mitteilung des Van-Gogh-Museums Amsterdam.
Lange Zeit waren Experten davon ausgegangen, das Schwarz-Weiß-Porträt zeige den niederländischen Maler Vincent als 13-jährigen Jungen.
Nachdem jedoch einige Zweifel an der Identität des Jungen mit dem wuscheligen Haar laut geworden waren, gab das Van-Gogh-Museum eine umfassende Untersuchung in Auftrag.
Diese kam schließlich zu dem Schluss, dass es sich in Wahrheit um Vincents jüngeren Bruder Theo handelt, der auf dem Foto 15 Jahre alt war.
Die beiden Brüder sahen sich ähnlich, doch hatte Theo laut dem Museum feinere Gesichtszüge und hellere Augen.
Briefe
Vincent führte, vor allem mit seinem Bruder Theo, einen umfangreichen Briefwechsel, der eine Fülle von Hinweisen auf sein malerisches Werk enthält und selbst von literarischem Rang ist. Die ersten Zeichnungen des Jugendlichen finden sich dort, und viele der Gemälde hat Vincent in seinen Briefen an Theo vorgezeichnet.
Heute sind noch 903 Briefe erhalten, die von Vincent geschrieben (820) oder empfangen (83) wurden. Mehr als 650 der selbst geschriebenen Briefe waren an Theo gerichtet. Außerdem sind auch Briefe erhalten, die Vincent an seine Schwester Wil und andere Verwandte sowie an Künstler wie Paul Gauguin, Anthon van Rappard und Émile Bernard schrieb.
Die Briefe wurden erstmals auf Veranlassung von Theos Frau Jo im Januar 1914 veröffentlicht. Die erste Ausgabe umfasste drei Bände und wurde 1952–1954 von einer vierbändigen Ausgabe mit zusätzlichen Briefen ergänzt.
Der niederländische Kunsthistoriker Jan Hulsker schlug 1987 vor, die Briefe chronologisch zu ordnen. Dieses Vorhaben wurde 1994 mit dem Van Gogh Letter Project des Van Gogh Museums in Angriff genommen. Das Projekt umfasst eine vollständige, kommentierte Sammlung der Briefe von und an Vincent.
Der erste Brief von Vincent an Theo vom 29. September 1872.
Den Haag, 29. September 1872.
Mein lieber Theo,
vielen Dank für deinen Brief. Ich war froh zu hören, dass du gut zurückgekommen bist. Ich habe dich die ersten Tage vermisst, und es war seltsam für mich, dich nicht anzutreffen, als ich nachmittags nach Hause kam.
Wir haben ein paar schöne Tage zusammen verbracht und sind tatsächlich spazieren gegangen und haben uns dies und das ein oder andere angesehen, wann immer wir die Gelegenheit dazu hatten.
Was für ein schreckliches Wetter! Du musst dich auf deinen Spaziergängen nach Oisterwijk sehr unwohl gefühlt haben. Gestern fanden anlässlich der Ausstellung Trabrennen statt, aber die Beleuchtung und das Feuerwerk wurden wegen des schlechten Wetters verschoben. Gut, dass du nicht geblieben bist, um sie dir anzusehen. Herzliche Grüße von den Haanebeeks und den Rooses.
Dein dich liebender Vincent
Briefe von Theo an die Schwester Wil
In den Jahren 1886 und 1887 wohnten Vincent und Theo gemeinsam in einer Wohung am Montmartre in Paris (Rue Lepic 54). Das Zusammenleben war nicht immer konfliktfrei:
So schrieb Theo an die Schwester Wil:
„Es gab eine Zeit, in der ich Vincent so sehr liebte, er war mein bester Freund. Das ist im Augenblick vorbei. Von seiner Seite aus ist es schlimmer. Er lässt keine Gelegenheit aus, mir zu zeigen, dass er mich verachtet und ich ihn empöre. Die Situation zuhause ist nicht auszuhalten; niemand will mehr zu mir kommen, er tut nichts, als Streit zu suchen, und er ist so dreckig und unordentlich, dass die Wohnung alles andere als anziehend ist. Alles, was ich hoffe, ist, dass er auszieht, um allein zu leben, davon hat er lange gesprochen, aber wenn ich ihm sagen würde, dass ich meinerseits ausziehe, wäre es für ihn ein Grund zu bleiben. Weil ich unfähig bin, ihm Gutes zu tun, bitte ich ihn nur um eines, dass er mir nichts Schlechtes tut. Er tut es, indem er bleibt.“
Einen Monat später schrieb Theo wieder an Wil:
„Wir haben Frieden geschlossen. Es war für niemanden gut, so weiter zu machen. Ich hoffe, dass es anhält. Es wird also keine Veränderung geben. Darüber bin ich glücklich; es wäre mir merkwürdig vorgekommen, wieder allein zu leben. Es wäre da auch nichts gewonnen. Ich habe ihn gebeten zu bleiben.“
Als Vincent später dann doch aus der gemeinsamen Wohnung auszog und im Febraur 1888 Paris verließ schrieb Theo abermals einen Brief an Wil, der deutlich macht, wie schwer ihm die Trennung von seinem Bruder fiel:
„Paris 24. und 26. Februar 1888
Liebe Wil,
Seit langer Zeit schon wollte ich Dir schreiben, und ich tue das jetzt, weil ich dir erzählen muss, dass ich wieder allein bin.
Vincent ging letzten Sonntag Richtung Süden, zuerst nach Arles, um sich zu orientieren, und dann wahrscheinlich nach Marseille. Die neue Schule von Malern versucht vor allem, Licht und Sonne in Malereien zu bekommen, und Du kannst gut verstehen, dass die grauen Tage zuletzt wenig Material für Motive geliefert haben.
Darüber hinaus hat die Kälte ihn krank gemacht. Die Jahre von so viel Sorge und Widrigkeit haben ihn kein bisschen kräftiger gemacht, und er fühlte ein eindeutiges Bedürfnis nach eher milderer Luft.
Eine Fahrt von einer Nacht und einem Tag und man ist dort, so war die Versuchung groß, und entsprechend entschied er sich rasch, dahin zu fahren. Ich glaube, es wird ihm auf jeden Fall guttun, zugleich physisch und für seine Arbeit.
Als er vor zwei Jahren hierher kam, hätte ich nie gedacht, dass wir einander so verbunden sein würden, denn jetzt ist da eindeutig eine Leere, wo ich wieder allein in meiner Wohnung bin. Wenn ich jemanden finde, will ich mit ihm leben, aber es ist nicht leicht, jemanden wie Vincent zu ersetzen.
Es ist unglaublich, wie viel er weiß und welch eine klare Sicht er von der Welt hat. Deshalb bin ich sicher, dass er sich einen Namen machen wird, wenn er noch eine gewisse Zahl von Jahren zu leben hat. Es geschah durch ihn, dass ich mit vielen Malern in Kontakt kam, die ihn sehr hoch schätzten.
Er ist einer der Meister von neuen Ideen, das heißt, es gibt nichts Neues auf dieser Welt und deshalb wäre es korrekter, von der Wiederherstellung alter Ideen zu sprechen, die durch den Alltagstrott korrumpiert und klein gemacht worden sind. Zudem hat er so ein großes Herz, dass er ständig bemüht ist, für Andere etwas zu tun, unglücklicherweise für jene, die ihn nicht verstehen können oder wollen.“
Textquelle: Wikipedia „Vincent van Gogh“ (September 2026)
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