Rathaus-See
Das Rathaus von Baden-Baden: Verschachtelt | Verwinkelt | Geheimnisvoll
Unter dem Rathaus verbirgt sich ein lange vergessenes Geheimnis. Im Volksmund „Rathaus-See“ genannt. Das Wasser hat Trinkwasserqualität und eine konstante Temperatur von 18°C. Der See wurde 1991 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Das Rathaus von Baden-Baden besteht aus drei miteinander verbundenen Bauwerken:
- dem historischen Gebäudekomplex des Jesuitenordens (Wiederaufbau 1698 bis 1723)
- dem ehemaligen Hotel „Darmstädter Hof“ (ab 1827 an Stelle der ehemaligen Jesuitenkirche von 1671).
- dem Ratssaal-Gebäude (früher Jesuitenschule mit Aula)
Im Mittelalter befand sich hier der Freihof der Markgrafen von Baden. 1627 überließ Markgraf Wilhelm das Anwesen den Jesuiten.
Die Jesuiten errichteten bis 1679 ein repräsentatives Kolleggebäude, das nur zehn Jahre später beim Stadtbrand zerstört wurde. Der Wiederaufbau auf altem Grundriss dauerte bis 1723.
Nach Auflösung des Jesuitenordens 1773 wurde das Gebäude zunächst als Schule, dann als Konversationshaus und schließlich zu Mietwohnungen genutzt.
Als Friedrich Weinbrenner das Jesuitenkolleg 1811 in eine Konversationshaus verwandelte, ließ er die Kirche mit Ausnahme der Chorpartie abbrechen.
Darmstädter Hof
Das Hotel „Darmstädter Hof“ entstand ab 1827.
Nach Fertigstellung des neuen Konversationshauses, dem heutigen Kurhaus, wurde der Gebäudekomplex vorrübergehend als Wohngebäude genutzt, bis schließlich im Jahr 1862 das Rathaus in die früheren Jesuitengebäude einzog.
Der Darmstädter Hof erhielt nach Umbauten 1894 sein heutiges Erscheinungsbild. Das Hotel wurde nach dem Ersten Weltkrieg staatliches Kur- und Badehaus, bis die Stadt im Jahr 1937 das Gebäude zur Erweiterung des Rathauses übernahm.
Foto: Rathaus Baden-Baden (rechts der Gebäudetrakt „Ehem. Darmstädter Hof“ (Oktober 2022)
Von 1671 bis 1812 befand sich am Standort des Darmstädter Hofes die nach Plänen von Tommaso Comacio erbaute barocke Jesuitenkirche und ein Jesuitenkolleg. Ansicht von Südosten.
Entdeckung einer Höhle
Im Dezember des Jahres 1891 wurde bei Umbauarbeiten im damaligen Hotel „Darmstädter Hof“ (A) der Zugang zu einer Höhle entdeckt.
Die Anlage erstreckte sich auf etwa 13 m Länge in nordöstlicher Richtung in den Rathaushügel und liegt somit größtenteils unter dem heutigen Rathaushof.
Die Höhle selbst besteht aus einer größeren Vorhalle, an die sich zwei tieferliegende Kammern anschließen. Beide Nebenkammern sind mit Wasser gefüllt und bilden zwei kleine, voneinander getrennte Seen (B).
Der Wasserspiegel liegt knapp unter den jeweiligen Höhlendecken, so dass sich beide Räume einer systematischen Begehung entziehen. Über die Bedeutung und das Alter der Anlage gab es bislang keine gesicherten Anhaltspunkte.
Archäologische Funde, mehrere Salbgefäße und ein Terrakottaköpfchen, die angeblich in der Höhle gefunden worden sein sollen, gaben Anlass zu der Vermutung, dass es sich bei der Höhle möglicherweise um ein römisches Heiligtum handeln könnte. Die allerdings aus einer Privatsammlung stammenden Funde sind bezüglich der Fundüberlieferung jedoch mit starken Vorbehalten zu betrachten.
Abbildung: Lageskizze des „Rathaus-Sees“ im Untergeschoss des Rathauses von Baden-Baden
© Knierriem, Peter, Löhnig, Elke & Schallmayer, Egon: Aquae: Die antike Bäderstadt im Lichte neuerer Ausgrabungen und Forschungen, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg
Das ist er, der geheimnisvolle Rathaus-See (August 2023). Er besteht aus zwei wassergefüllten, bis zu 4 Meter tiefen Becken. Spektakulär, oder?
In der Tat, aber nur, wenn man die Geschichte dahinter kennt.
Neuerliche Bauarbeiten an der Höhle
Einhundert Jahre nach ihrer Entdeckung geriet die Höhle erneut in den Mittelpunkt archäologischen Interesses. Wiederum im Zusammenhang mit Umbauarbeiten an dem mittlerweile zum Rathauskomplex gehörenden „Darmstädter Hof“ wurde der Eingangsbereich der Höhle erneut von Bauarbeiten betroffen.
Das außergewöhnliche Denkmal sollte nun mit Glastüre und Beleuchtungseinrichtung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Ein Geheimnis wird gelüftet
Im Vorfeld dieser Arbeiten wurden die beiden Seen abgepumpt. Die Höhle war somit in fast allen Bereichen zugänglich geworden. Die Untersuchungen konzentrierten sich auf die bislang gänzlich überflutete östliche Nebenkammer, da nachsickerndes Wasser zur Eile trieb. Die zutage getretenen Strukturen sprachen bald für sich.
Was verbirgt sich hinter der Höhle?
Nicht die Reste eines römischen Heiligtums, wie von den Archäologen ursprünglich vermutet, vielmehr die bizarren Formen eines alten Steinbruchbetriebes erschienen im Scheinwerferlicht.
Foto: Blick in den Alten Steinbruch nach dem Abpumpen des Wassers
© Knierriem, Peter, Löhnig, Elke & Schallmayer, Egon: Aquae: Die antike Bäderstadt im Lichte neuerer Ausgrabungen und Forschungen, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg
Historischer Mühlstein-Steinbruch
Unzählige Abbauspuren verrieten den künstlichen Ursprung der Höhle. Abgebaut wurden ausnahmslos Steintrommeln von ca. 1,20 m Durchmesser und einer Stärke von 0,30 bis 0,35 m. Insgesamt fanden sich in der östlichen Kammer noch 23 Abbausteilen.
Viele Abbauspuren wiesen Überschneidungen auf, so dass die Zahl der ursprünglich entnommenen Stücke wesentlich höher gewesen sein muss. Mehrfach fanden sich auch Überreste von Fehlprodukten, die im Moment des Absprengens zu Bruch gingen und verworfen wurden.
In der Höhle haben sich Relikte aller Arbeitsgänge eines Steinbruchbetriebes erhalten. Dies reicht von Anrisslinien anzulegender Schrotgräben bis hin zum fertiggestellten Rohling. Die abgebauten Werkstücke dürften wohl als Mühlsteine verwendet worden sein. Nach dem Ergebnis geologischer Untersuchungen ist der Stein für eine solche Verwendung geeignet.
Die Notwendigkeit des Untertageabbaus erklärt sich ebenfalls aus der Geologie, die Betreiber des Steinbruches folgten der für ihre Verwendung benötigten Gesteinsart, angrenzende Formationen blieben unberührt.
Die Anfangsdatierung des Betriebes ist in Ermangelung archäologischen Fundmaterials derzeit nicht zu erschließen.
Das Ende hingegen lässt sich baugeschichtlich herausarbeiten. Vor dem Eingang der Höhle wurde bis in das Jahr 1673 die Kirche des Baden-Badener Jesuitenkollegs errichtet. Spätestens mit der Fertigstellung des Baues war der Steinbruch bis zu seiner Wiederentdeckung nicht mehr zugänglich.
Zugang
Der Zugang zum historischen Mühlstein-Steinbruch unter dem Rathaus ist heute mit einer Glastür verschlossen.
Die mannshohe Infotafel neben der Treppe hätte genug Platz für eine ausführlichere Beschreibung.
Foto: Zugang zum „Rathaus-See“ mit Infotafel (August 2023)
Sandsteinbrüche