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Besondere Orte

Schopfheim: Naturdenkmal Eichener See

Ein geheimnisvoller Ort

Nach einer Legende befindet sich unter dem See ein unterirdischer Palast, „angefüllt mit Gold, Silber und Edelsteinen, in dem kleine Männlein leben. In einem trockenen Jahr mit verdorrten Feldern schließt ein Bauer einen Pakt mit diesen Wichten: Wenn sie die Felder wässern, gibt er ihnen im Gegenzug seine jüngste Tochter. Doch die Tochter versucht mit ihrem Liebsten zu fliehen. Da setzt ein gewaltiges Rauschen, Blitzen und Donnern ein, der See überschwemmt alles und reißt das Paar in den Tod. Noch heute sagen die Bauern, wenn der See ansteigt, erinnern uns die Wichte an den Verrat.“

Ein gefährlicher Ort

In den alten Chroniken gibt es geheimnisvolle Geschichten um den Eichener See. So sorgte er bereits im Jahre 1772 für Aufsehen, als fünf Männer ertranken. In der Zeit von 1799 bis 1800 erschien der See fünfmal und in den Jahren 1801 bis 1802 viermal. Der Wasserstand war damals so hoch, dass der See gegen das Dorf Eichen auszubrechen drohte. Seit der Zeit wurde das sporadische Erscheinen des Sees registriert. Im Jahre 1876 forderte der See sein nächstes Opfer und 1910 ertranken weitere drei Personen.

Ein besonderer Ort

Der Eichener See ist ein nur zeitweise erscheinender See, der sich nur bei hohen Niederschlägen in Verbindung mit einem sehr hohen Karstwasserstand ausbildet.

Der See liegt in einer Karstwanne auf der Hochfläche des östlichen Dinkelbergs zwischen Schopfheim und Wehr.  Die Wanne hat oberirdisch weder einen Zu- noch Abfluss. In der Senke sammelt sich Niederschlagswasser (Regen und geschmolzener Schnee), das im Vergleich zur Umgebung nicht in den sehr gut wasserdurchlässigen, verkarsteten Untergrund versickern kann. Der Grund dafür ist die besonders in der Wannenstruktur tiefgründig wirkende Verwitterung des Muschelkalks zu einem sehr schlecht wasserdurchlässigen Lehm. In Abhängigkeit des tatsächlichen Wasserdargebots entsteht eine unterschiedlich große Wasserfläche. Das Wasser tritt besonders nach der Schneeschmelze oder nach längeren Regenphasen zu Tage.

Messungen haben ergeben, dass der Wasserspiegel bei Austritt pro Tag um etwa 8 bis 14 cm steigt. Der höchste Wasserstand ist nach 1 bis 5 Wochen erreicht. In besonders niederschlagsreichen Jahren kann der Wasserstand bis zu drei Meter betragen und der See innerhalb von 1 bis 5 Wochen eine Ausdehnung von 250 m Länge und 135 m Breite (ca. 2,5 ha) erreichen. Bis das gesamte zu Tage getretene Wasser wieder verschwindet, können 8 bis 160 Tage vergehen.

Schutzgebietsausweisungen

Rund um den Eichener See wurde am 11.02.1983 ein ca. 3,5 ha großes Gebiet als flächenhaftes Naturdenkmal ausgewiesen (Schutzgebiets-Nr. 83360810001). Seit dem 25.10.2018 ist der Eichener See darüber hinaus auch Bestandteil des FFH-Gebietes „Dinkelberg und Röttler Wald“ (Schutzgebiets-Nr. 8312311).

 

Geologie

Der Eichener See liegt in der „Schopfheimer Bucht“, einer großen, durch verschiedene Störungssysteme in sich zerbrochenen tektonischen Scholle, welche die Bewegungen bei der Entstehung des Oberrheingrabens / Schwarzwaldes nur teilweise mitgemacht hat.

Der östliche Dinkelberg wird hier im Nordwesten durch die Wiese, im Osten durch die Wehra und im Süden durch den Hochrhein begrenzt. Zu diesen Flüssen bildet die Hochfläche des Dinkelbergs jeweils einen steilen Abfall. Landschaftsprägend ist eine wellige, leicht kuppige Hochfläche bei einer mittleren Höhenlage um 450 m ü. NN. Die Morphologie der Hochfläche wird überwiegend vom Wannenkarst bestimmt. Bekannte Karsterscheinungen im Dinkelberg sind Höhlen, Bachschwinden, Karstquellen, Trockentäler und temporäre Seen.

Bei dem See handelt es sich um eine zeitweise mit Wasser gefüllte Doline im Verbreitungsgebiet des Oberen Muschelkalks (Trochitenkalk, mo1). In ca. 30 m Tiefe folgen Schichten des Mittleren Muschelkalks (mm), beginnend mit der 15 m mächtigen Dolomitzone, bestehend aus dünnlagigen, blättrigen, bräunlichgelben bis hellgelben Dolomiten und dolomitischen Mergeln mit eingelagerten dünnen Ton- und Hornsteinlagen. Die Dolomitzone ist nur sehr gering wasserdurchlässig und wirkt als Stauhorizont. Im tieferen Bereich des mm sind u.a. auch gut wasserlösliche Salz- und Gipsschichten ausgebildet, die verstärkt ausgelaugt werden. Durch diese Lösungsvorgänge kommt es in den überlagernden Gesteinsschichten zu Absenkungen, die sich bis an die Oberfläche durchpausen, wo dann eine Geländesenke entsteht. Im Gegensatz zu einem „Erdfall“, bei dem sich eine Senke durch einen Einsturz tieferer Gesteinsschichten bildet, spricht man bei einer Senke, die durch unterirdische Lösung entsteht (Subrosion) von einer „Doline“.

Der Obere Muschelkalk ist an der Oberfläche sehr stark verwittert. Im Randbereich der Wanne wurden bei Bohrarbeiten 1,4 m mächtige, gering wasserdurchlässige Verwitterungslehme angetroffen (Durchlässigkeitsbeiwert: 10-9 m/s). Innerhalb der Wanne konnten durch geoelektrische Messungen sogar Mächtigkeiten bis 9 m nachgewiesen werden.

 

Kommen und Gehen

Langjährige Beobachtungen und zahlreiche Untersuchungen und Messungen, v.a. Ende der 1960er Jahre bis Mitte der 1970er Jahre durch das Geologische Landesamt in Freiburg (heute LGRB) und das Niedersächsische Landesamt für Bodenforschung in Hannover (Bohrarbeiten, Geoelekrische Untersuchungen, Markierungsversuche, Chemische Anlysen, Isotopenuntersuchungen) haben dazu beigetragen, den Mechanismus des Erscheinens und Verschwinden des Sees besser verstehen zu können. In einer 1968, ca. 1 km SE des Sees abgeteuften 50 m tiefen Bohrung zur Geologischen und Hydrogeologischen Erkundung wurde in einer Tiefe von 42,4 m die Basis des oberen Karstwasserstockwerks angetroffen (Schichtgrenze mo/mm bei 429,5 m NN). Die Bohrung wurde zur Beobachtung der jahresteitlich stark schwankenden Karstwasserstände zu einer Grundwassermessstelle ausgebaut.

Gemäß den langjährigen Untersuchungen erscheint der See vorwiegend in der winterlichen Jahreszeit besonders nach kurzzeitigen Starkniederschlagsereignissen. Ein Teil des Niederschlagswassers versickert in den Untergrund, ein Teil verdunstet. Der größte Teil strömt jedoch – auch über Rinnsale – der Seemulde zu. Mehrfach wurde von Einheimischen auch beobachtet, dass Wasser aus Grabgängen von Mäusen, Würmern und Iltissen heraustrat. Ein geringer Zustrom von Grundwasser kann bei hohem Karstwasserstand aus einer Stelle am Südufer des Sees erfolgen, dieses Wasser enthält möglicherweise auch Anteile aus Bereichen außerhalb des oberirdischen Einzugsgebietes.

Vergleich Karstwasserstand / Seewasserstand

Um feststellen zu können, ob ein Zusammenhang des Karstwasserstandes mit dem Auftreten des Sees besteht, wurden zwischen 1968 und 1977 im See (wenn vorhanden) und in der 1 km entfernten Grundwassermessstelle die Wasserstände gemessen.

Während der gesamten Beobachtungszeit ist der See lediglich in vier verschiedenen Jahren erschienen. Zwischen 1971 und 1974 war kein See zu sehen. Anhand der Messadten ist zu erkennen, dass das Wasser an der Oberfläche schon zu sehen ist bevor der Karstwasserstand die Höhe des Seebodens erreicht. Sinkt der Karstwasserstand unter das Seebodenniveau, bleibt der See – wegen der Abdichtung durch die Verwitterungslehme – aber noch längere Zeit erhalten.

Ergebnis:

Durch die langjährige vergleichende Beobachtung der See- und Karstwasserstände konnte nachgewiesen werden, auch in Verbindung mit Isotopenuntersuchungen der beiden Wässer (Tritium und Kohlenstoff-14), dass das Erscheinen des Sees nahezu überwiegend an den Zufluss von Niederschlagswasser aus dem eigenen Einzugsgebiet gekoppelt ist.

Seltene Tiere

Im Jahr 1911 entdeckten zwei schweizer Zoologen im Eichener See sogenannte Feenkrebse  (Tanymastix lacunae), im Volksmund auch „Urzeitkrebse“ genannt.

Aussehen

Die seltenen Kiemenfüßer sind etwa 7 bis 20 mm lang, milchigweiß bis grünlich gefärbt und verfügen über 11 Beinpaare. Beide Geschlechter besitzen ein Paar fadenförmige, relativ kurze erste Antennen. Die zweiten Antennen sind bei den Männchen und den Weibchen unterschiedlich geformt. Bei den Männchen tragen sie lappenförmige Anhänge, die eingerollt werden können. Adulte Weibchen sind an den bauchseitig gelegenen Brutsäcken zu erkennen, die mit Eiern gefüllt sind. Die gegabelte Furca am Hinterleibsende ist bei den Weibchen durchscheinend hell.

Lebensweise

Paarung und Eiablage:

Kurz vor und auch während der Paarung halten die Männchen die Weibchen mit ihren Kieferzangen fest (die Geschlechtsorgane befinden sich vor dem gegabelten Körperende nach den Beinpaaren).  Nach der Paarung entwickeln sich die Eier in den Eisäcken am Hinterleib der Weibchen. Das Weibchen kann man an ihrer rot bis grün schillernden Ei-Tasche erkennen.

In jedem Eisack werden 8 bis 14 Eier produziert, welche im offenen Wasser gelegt werden. Die linsen- oder diskusförmigen, kupferbraunen bis ziegelroten Eier haben einen Durchmesser von 0,40 bis 0,43 mm. Bei den „Eiern“ handelt es sich eigentlich um „Zysten“, da sie bei der Ablage schon zu mehrzelligen Stadien weiterentwickelt sind.

Ein Weibchen kann bis zu 10.000 Ei-Pakete ablegen. Die Eier sinken auf den Gewässergrund und können im Substrat mehrere Jahre andauernde Trockenheit überleben. Bei Überflutung durch Hochwasser oder Eindringen von Qualmwasser entwickelt sich dann eine neue Generation.

Die dauerhaften Zysten können von Wasservögeln in andere Gewässer transportiert werden. In Flüssen können sie auch durch Hochwasser verfrachtet werden.

Vom Larvenstadium zur Geschlechtsreife:

Im zeitigen Frühjahr, oft schon im Januar oder Februar unter dem Eis der Gewässer, schlüpfen die Naupliuslarven aus den Zysten, in denen sie Trocken- und Kälteperioden überdauern können. Dieses Stadium dauert jedoch nur einige Stunden. Je nach Wasserstand kann sich der Schlupfzeitpunkt bis in den Mai erstrecken. Die Larven wachsen schnell heran und können nach bis zu 40 Häutungen in ein bis zwei Wochen die Geschlechtsreife erreichen.

Atmung und Ernährung:

Die Atmung erfolgt über die dünnhäutigen Kiemenlappen der Ruderfüße, über die  Sauerstoff ins Blut aufgenommen wird. Aufgrund dieser speziellen Form der Atmung werden  die Feenkrebse innerhalb der Art „Krebstiere“ (Crustacea) in die Ordnung der „Kiemenfüßer“ (Anostraca) eingeordnet.

Die Feenkrebse schwimmen mit der Bauchseite nach oben im freien Wasser. Dabei filtern sie mit ihren Blattfüßen Plankton und Detrituspartikel aus dem Wasser, indem sie durch die Bewegung der Füße kleinste Wellen erzeugen, die Plankton und Detritus einfangen und in eine zentrale Rinne leiten. Durch den sich dabei bildenden Unterdruck wird die aufgenommene Nahrung in den Mundraum geleitet.

Lebensdauer:

Bei sinkendem Wasserstand oder höheren Wassertemperaturen und damit verbundener Sauerstoffzehrung sterben die adulten Tiere. Die Lebensdauer der Tiere ist abhängig von der Temperatur und der Saison und bewegt sich zwischen 30 Tagen im Sommer und bis über 60 Tage im Winter.

Eichener See

Ein See aus dem Nichts.

Eine multimediale Reportage der Schwäbischen Zeitung.

Im Winter 2021 war der Eichener See mit einer Fläche von 320 m x 170 m so groß ausgebildet wie seit über 50 Jahren nicht mehr. Eine ideale Saison v.a. auch für die Krebstiere.

Textquellen

Wikipedia

Flyer „Der Eichener See – Eine Reise in die Urzeit“, Landratsamt Lörrach.

Fischbeck, Reinhard; Hüttner, Rudolf & Käß, Werner: Der Eichener See (Schopfheim, Stadtteil Eichen, Lkr. Lörrach, Baden-Württemberg); Ber. Naturf. Ges. Freiburg i. Br., 106: 69-100, Freiburg 2016.

Quellen Fotos

Infotafel: Ulrike Klumpp, Baiersbronn.

Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Schopfheim. VIELEN DANK.