Zivile Nutzung in der Steinbauphase
Nach dem Ende der militärischen Nutzung des Rettigareals erfolgte auf dem Plateau eine großflächige zivile Bebauung mit repräsentativem Charakter.
Bei den Ausgrabungen konnten insgesamt fünf Steinbauten nachgewiesen werden, die aber nicht alle zeitgleich bestanden, dazwischen ein größerer Pfostenbau.
Der Steinbau I (Bau ca. in den 80er Jahren des 1. Jahrunderts, Nutzung bis in das 2.Jahrhundert n. Chr.) wurde über einen aus hinereinander überlappend ausgelegten Ziegeln hergestellten Abwasserkanal in eine vor dem Gebäude liegende Grube entwässert. Dort wurden neben Küchenabfällen auch größere Mengen zerscherbter Keramiken gefunden. Eines der schönsten Fundstücke war eine sehr kunstvoll gestaltete bronzene Amphorenfibel, die mit großem handwerklichen Geschick aus drei ineinander gestellten Amphoren hergestellt wurde.
Das südwestlich angrenzende Steinbau III (Bau ca. Mitte des 2. Jahrhunderts) zeichnete sich durch eine massive Umfassungsmauer aus. An der Südseite verlief direkt entlang der Mauer der vom Steingebäude I ausgehende Abwasserkanal. An der Aussenwand wurde über dem Kanal zu einem späteren Zeitpunkt eine kleine Latrine errichtet. An der Nordseite des Gebäudes wurde ein beheizbarer Raum (Hypocaustum) sowie ein daneben liegender Keller angetroffen. Teile der Hypocaust-Pfeiler waren abgebaut. Auch hier wurden Spuren der letzten Befeuerung gefunden (mächtige Ascheschicht).
Als Steinbau IV wurde ein kurzes Mauerstück an der Südseite von Gebäude I beschrieben. Ob es sich tatsächlich um ein separates Gebäude handelt, konnte nicht geklärt werden, die Befunde in diesem Bereich waren bereits weitestgehend durch moderne Eingriffe zerstört.
Die mäßig erhaltenen Reste von Steinbau V schließt sich unmittelbar südlich an das Gebäude III an. Der Gebäudegrundriss weist auf eine Risalitvilla hin, einem häufig im ländlichen Raum verbreiteten Gebäudetyp. Die Schauseite ist nach Südwesten in Richtung der von den Schwarzwaldausläufern flankierten Oosniederung ausgerichtet, der zur Römerzeit einen imposanten Ausblick bot. Bauschuttfundstücke weisen auf polychrome Wandmalereien hin.
Ein Risalit (italienisch risalto = Vorsprung) ist ein in der gesamten Gebäudehöhe – vom Sockel bis zum Dach – aus der Hauptfassade vorspringender Gebäudeteil.
Zwischen den Steinbauten I und III, größteteils im Bereich von Steinbau II, wurde eine große Anzahl von Pfostenstandspuren dokumentiert. Die Pfosten sind in parallelen Reihen von bis zu 14 Pfosten aufgereiht. Nach Ende der Nutzungszeit wurden die oberirdischen Teile der Pfosten entfernt, aber nicht in der Umgebung verfüllt . Die Funktion des Pfostenbaus bleibt rätselhaft. Grundrissvergleiche mit anderen Pfostenbauten lasse einen Speicherbau (horreum) vermuten.
Wesentliche Veränderungen in der Bebauung des Rettigareals sind erst wieder in der Zeit des zweiten Viertels des 3. Jahrhunderts zu registrieren (225 bis 250 n. Chr.). Die Gebäude I und III waren mittlerweile offenbar nicht mehr in Nutzung (ruinös). Es entstand, in der letzten Phase der römischen Bebauung des Rettig, ein Neubau (Steinbau II).
Die Überreste des Gebäudes sind sehr gut erhalten. Das Mauerwerk besteht ausschließlich aus Altmaterial, größtenteils wohl Baumaterial der Gebäude I und III. Die Funde weisen auf einen Vorratskeller, eine Feuerstelle und einen beheizbaren Raum mit Heizanlage hin. Der Innenausbau war im Vergleich zu den älteren Bauten deutlich bescheidener. Die Raumaufteilung erfolgte mutmaßlich durch Holzfachwerkwände. Die massive Aussenmauer lässt eine Schutzfunktion vermuten. Das Gebäude wurde in der Mitte des 3. Jahrhunderts offenbar partiell zerstört, die Ostwand des Kellers stürzte ein. Der Keller wurde wohl aufgegeben, der Schutt im Keller entsorgt, das restliche Gebäude aber mit einfachsten Mitteln notdürftig instandgesetzt.
Das Schadensbild des Gebäudes lässt sich nach den Erfahrungen der Archäologen nicht auf klassische Ereignisse, wie beispielsweise ein Brand oder eine mutwillige Zerstörung zurückführen. Bei den folgenden Überlegungen wurde ein Erdbeben als mögliche Ursache in Erwägung gezogen.