Braunkohlebergwerk Robertshall (1920 – 1922)
Die Vorgeschichte
Im Jahre 1915 war die alte Frau Paul, die damals in einem kleinen Haus auf dem Wulmsberg wohnte, es leid geworden, ihren Wasserbedarf jeden Tag aus dem Emmetal von Nachbarn, die über einen Brunnen verfügten, holen zu müssen. So beauftragte sie einen Brunnenbohrer, für sie dort oben auf dem Berg einen eigenen Brunnen herzustellen.
Trotzt mehrerer Bohrversuche stieß er aber nicht auf das gesuchte Grundwasser, sondern auf Braunkohle. Bedauernd teilte er der Frau Paul diese schlechte Nachricht mit. Die geschäftstüchtige Witwe jedoch, hocherfreut, eilte sofort nach Celle zum Bergamt, um sich die Schürfrechte an diesem bisher unbekannten Braunkohlevorkommen zu sichern.
Zwei Jahre später, im Jahre 1917, wurde die Gebrüder Stern KG, eine Bergbaufirma aus Dortmund, auf dieses Braunkohlelagergebiet aufmerksam und entsandte einen Ingenieur namens Robert Bilke zu Frau Paul. Schnell wurden sich beide einig. Frau Paul verkaufte die rechte und Bilke untersuchte zusammen mit seinem Freund Professor Hugo Strache aus Wien die Ausbreitung, Mächtigkeit, Lagertiefe und Qualität der Braunkohle. Die erfolgversprechendsten Braunkohlefelder benannte er nach seinem Vornamen Robert und nach dem Vornamen seines Chefs, Louis zu Robertshall bzw. Louishall.
Nach Kriegsende im Jahre 1918 waren Saarland und Ruhrgebiet besetzt, Kohle konnte man von dort nicht mehr beziehen. Dadurch litten viel Fabriken Not und konnten nicht produzieren. Die Vereinigte Gummiwarenfabriken Harburg-Wien (Später Phoenix AG) erfuhren von diesem Braunkohlevorrat in Hausbruch, nahmen Kontakt zu Bilke auf und drohten ihm zugleich mit Enteignung der Förderrechte, sofern er nicht bereit sei, einen Exklusiv-Liefervertrag mit der Fabrik abzuschließen. Am 6. Dezember 1919 wurde in Bilkes Wohnung in Hannover die Firma Bergbaugesellschaft Robertshall GmbH gegründet und sogleich ein Liefer- und Kooperationsvertrag mit der Gummiwarenfabrik aus Harburg gegründet. Dieser vertrag regelte, dass die Bergbaugesellschaft so bald als möglich einen Untertagebau in Hausbruch errichten wird, Braunkohle zu Tage fördert, und am Förderschacht eine Übergabestelle gebaut wird, an welcher die Gummifabrik die Kohle übernimmt und auf eigene Rechnung nach Harburg transportiert.
Bau des Braunkohlebergwerkes Robertshall
Sogleich nach Unterzeichnung der Verträge erteilte das Bergamt Celle dem Direktor Bilke mündlich über Fernsprecher die Schachterlaubnis. Jedoch zeigten die Thermometer in Hausbruch im Winter 1919 / 1920 Temperaturen von unter 20 Grad Minus an, wodurch sich der Baubeginn verzögerte. Erst Mitte Januar konnten die eigens aus dem harz angeworbenen Bergleute ihre Schaufeln schwingen und in Handarbeit den Förderschacht ausheben. Nach 4 Tagen gleichzeitiger Ausschacht- und Zimmerarbeit erreichten die Kumpel die Endtiefe von 17 Metern. Während Übertage fleißige Zimmerleute den Förderschacht sowie eine Baufirma das Dampfkessel- und Bürogebäude errichteten, durchörterte man untertage schon den „Ehestorfer Heuweg“ und stieß auf erste Kohle. In nur 3 Wochen hatten Bilkes fleißige Männer sowie die beteiligten Firmen die wichtigsten Gebäude fertiggestellt, damit die in Harburg dringend benötigte Kohle zu Tage gefördert werden konnte. Die Gummifabrik war aber auch nicht untätig geblieben. In Windeseile baute man eine Feldbahn-Gleisanlage vom Förderschacht am „Rehwechsel“ bis zum „Jägerhof“. Dort sollte die Kohle von Sand gewaschen und auf Lastkraftwagen umgeladen werden, welche das schwarze Gut nach Harburg fahren würden.
Untertage schwangen mittlerweile die Kumpel schon eifrig die Spitzhacke. Es wurden Fahrstrecken aufgewältigt, Stollen mit Holz ausgezimmert und auch schon erste Braunkohle in Grubenloren verladen. Ende Februar 1920 konnte die erste Hausbrucher Braunkohle in die Kessel der Gummifabrik geschaufelt werden. Zunächst aber stockte die Förderung noch erheblich; die eingeplanten ca. 100 Tonnen Heizmaterial pro Tag konnten nicht geliefert werden. Zwar war große menge Kohle vorhanden, auch konnte diese problemlos freigeschlagen und zu Tage gebracht werden, aber das Fördergut war zu sehr mit Sand vermischt. Die Waschvorrichtung am „Jägerhof“ konnte die Kohle nicht in der vorgesehenen Zeit reinigen, so kam es zu einem Rückstau in der Förderkette.
Die Ingenieure der Gummifabrik fanden zu der Lösung, dass die sandvermischte kohle schon direkt am Förderschacht gewaschen und dort zudem ein Kohlesilo zur Sicherstellung einer gleichmäßigen Kohlenabgabe erbaut werden muss. Ein für den Neubau der Kohlenwäsche und Siloanlage erforderliches Waldgrundstück wurde im April 1920 aufgrund bergrechtlicher Verfügung innerhalb von nur wenigen Tagen vom Landwirt Clemens Behrens aus Oldesloe zwangsenteignet. Nur einen Monat später konnte der Betrieb der eilig errichteten Kohlewäsche und Siloanlage aufgenommen werden. Parallel hierzu wuchs das Bergwerksunternehmen immer weiter; die oberirdischen Gebäude wurden um ein Kantinenhaus (heute noch vorhanden), eine Trafostation und ein Werkstattgebäude mit Zimmerei, Schmiede und Schlosserei ergänzt.
Auch war die Stollenanlage 17 m unter dem Wald schon erheblich gewachsen. Ein Marktscheider aus dem Harz protokollierte im Mai 1920 immerhin schon ca. 3.500 m Strecke. Zu Spitzenzeiten schufteten hier in Hausbuch über 180 Bergleute im Untertagebetrieb und 20 Handwerker im Übertagebetrieb im Dreischichtsystem. Abgesehen von Loren, Förderschacht und Kohlenwaschanlage wurde der gesamte Kohleabbau ausschließlich von Hand geleistet; Maschinen standen nicht zur Verfügung. Die Kohlemächtigkeit der Flöze betrug bis zu 12 Meter. Um die Kohle weitestmöglich abbauen zu können, war es erforderlich, eine zusätzliche 13 m-Sohle aufzuwältigen. Auch wurde das Abbaufeld immer mehr erweitert und in verschiedene Einzelfelder unterteilt. Probebohrungen zeigten förderungswürdige Schichten bis zu 1,5 km vom Hauptförderschacht entfernt, die von Untertage auch von den Kumpel erreicht werden konnten. Insgesamt wurden ca. 20 km Strecken aufgewältigt.
Schwierigkeiten bei der Kohleförderung
Trotz der geringen Fördertiefe von nur 13 bzw. 17 Metern unter dem Waldbodenniveau gab es zahlreiche technische Probleme. Die bis zu 1,5 km langen Förderstrecken von den Abbauörtern bis zum Förderschacht, die jeweils mit der Lore im Handschubbetrieb zurückgelegt werden mussten, verschlangen viel Zeit. Um diese Strecken zu verkürzen war vorgesehen, am „Hohlredder“ einen zweiten Förderturm zu errichten, weiterhin wurden 5 Befahrungs- und Wetterschächte erbaut, über die man ein- und ausfahren konnte und damit die laufstrecken verkürzte. Insgesamt war die Abbautätigkeit ohne Hilfe von Maschinen ausschließlich von Hand zu erledigen, da der Streckenausbau und die Statik des Untertagebaues den Einsatz von Maschinen nicht standhalten würden. Trotzdem konnten pro Tag durchschnittlich beachtliche 100 Tonnen Braunkohle zuzüglich ca. 200 t Sandabraum zu Tage gefördert werden.
In ca. 35 m Tiefe entdeckte man weitere, mächtige Braunkohlelager, die durch einen neuen Schrägschacht angegriffen wurden. In dieser Tiefe war jedoch der Wassereinbruch so stark, dass es mit den vorhandenen Pumpen nicht möglich war, die Stollen wasserfrei zu halten und der tiefe Abbau wieder aufgegeben werden musste. Auch der Abtransport brachte Schwierigkeiten mit sich. Die Feldbahnanlage zum „Jägerhof“ war nur eingleisig ausgebaut und entwickelte sich schnell zum Engpass, so dass Robertshall die geförderte Kohle nicht schnell genug loswerden konnte und die Gummifabrik nicht ausreichend Nachschub an Heizmaterial erhielt. So entschloss man sich dazu, im Frühjahr 1921 eine Seilbahnanlage vom Kohlensilo aus quer durch die „Haake“ bis nach Bostelbek zu bauen. Von dort aus wurde die Kohle in Güterwagen der Straßenbahn bis auf das Gelände der Gummifabrik, die sich ab 1924 Phoenix AG nannte, transportiert.
Der Arbeitsschutz wurde in Hausbuch Untertage kleingeschrieben. Die Kumpel arbeiteten im Unterhemd mit einem Filzhut geschützt, es kam auch immer wieder zu Stolleneinbrüchen. Ein altes Archivdokument beschreibt ein Grubenunglück in einem Stollen nahe der Straße „Hohlredder“, bei welchem ein Mann verschüttet wurde. Er konnte sich in eine Luftblase retten und wurde rechtzeitig wieder ausgegraben.
Das plötzliche Ende
Im Jahre 1922 war der Ablauf des Bergbaubetriebes soweit optimiert und auch die Kohlelagerstätten lokalisiert, dass die Existenz für einige Jahre gesichert erschien. Insbesondere die Tatsache, dass die Gummifabrik sich die neue Seilbahn auf heutige Währung umgerechnet ca. 10 Millionen Euro kosten ließ, schaffte bei der Mitarbeiterschaft erhebliches Vertrauen auf den Fortbestand ihrer Arbeitsplätze, trotz der damals unsicheren Wirtschaftslage zu Beginn der 1920er Jahre. Die Abnahme der Hausbrucher Kohle war ja ohnehin durch Exklusivlieferverträge an die Gummiwarenfabrik gesichert. Direktor Bilke allerdings konnte in seinen Geschäftsbüchern zu keinem Zeitpunkt schwarze zahlen verzeichnen, obwohl die Kohle ziemlich teuer verkauft wurde.
Im Spätsommer 1922 änderte sich durch ein Ereignis alles. Die Franzosen gaben das seit Ende des Ersten Weltkrieges bestehende Kohlenembargo auf und von einem Tag auf den anderen war die höherwertige und zugleich wesentlich günstigere Ruhrkohle wieder lieferbar. Die Gummifabrik kündigte ihre Abnahmeverträge und der Bergbaubetrieb Robertshall brach wirtschaftlich zusammen. Der Förderbetrieb endete im September 1922.
Die Zeit nach dem Bergbau
Das Bergbauunternehmen Robertshall hatte sich vor Beginn der Errichtung aller Anlagen verpflichtet, sämtliche Schächte und Stollen nach Beendigung des Abbaubetriebes wieder sicher zu verfüllen. Als der Bergbaubetrieb stillgelegt war, meldete der Direktor Bilke in einer rekordzeit von nur 20 Tagen dem Bergamt Celle die erfolgreiche Verfüllung sämtlicher Bergwerksstollen, und er ließ Teile der Bergbaufläche für 1 Jahr einzäunen, so wie es das Gesetz vorschrieb. Daraufhin wurde die zu Beginn hinterlegte Sicherheitskaution erstattet und das Bergwerksunternehmen entlastet.
Einige Jahre später jedoch begann vielerorts der Waldboden wegzubrechen. Bilke hatte geschummelt. Anstatt wie vereinbart, ein mittelgroßes Vermögen noch in die Verfüllung der ca. 20 Streckenkilometer zu stecken, hatte er nur die Straßenunterquerungen aufgefüllt und die 6 Zugangsschächte zuschütten lassen. So wurde im Jahre 1928 das Hamburger Bauunternehmen Dyckerhoff & Widmann damit beauftragt, zumindest die straßennahen Bereiche auf sicheren Stand zu untersuchen. Hierbei stellte man eine große Anzahl vorhandener Hohlräume fest, konnte aber keine Sicherungsmaßnahmen ausführen, weil es zur Bergbauanlage Robertshall keine vollständigen Streckenpläne gab. Daraufhin beschloss das Bergamt, in diesem Falle nicht weiter tätig zu werden. Letztendlich wurde das Gelände bis zum heutigen Tage nicht vollständig untersucht oder gesichert. So wurden auch in den letzten Jahren noch immer wieder neue Einsturztrichter festgestellt.
Im Jahre 2000 hatte Rolf Weiß mit einer Studentengruppe des Helms-Museums, Harburg, die damals vorhandenen Einsturztrichter katalogisiert und mit alten Grubenrisszeichnungen verglichen. Anhand dessen ließ sich feststellen, an welchen Stellen verbliebene unterirdische Stollen vorhanden sein könnten. So wurden damals an verschiedenen Stellen mittels Tiefbohrmaschine Erkundungsbohrungen vorgenommen. Nach etlichen Versuchen stieß man letztendlich auf einen noch vorhandenen Stollen, welcher fotografisch dokumentiert worden ist. Eine stichprobenartig erfolgte Bodenradaruntersuchung im Dezember 2017 zeigte, dass sowohl im Gebiet der Straße „Rehwechsel“ als auch im Waldgebiet bis fast hin zur „Stadtscheide“ bis heute noch Bergwerksstollen bzw. Hohlräume untertage vorhanden sind.
Entlang der ehemaligen Bergwerksgebietes finden Sie im Wald einen Bergbau-Erinnerungspfad. Dieser beginnt in Höhe der Straße „Beim Bergwerk“ und endet ca. 400 m weiter in Richtung Ehestorf.
Textquelle: Infotafel am Startpunkt
© Verein Bergwerk Robertshall e.V.