Seller, selli, sell
Seller, selli, sell
Eine mundartliche Plauderei
„Frau, wenn Si schelle welle, derfe Si nidd an sellere Schell schelle; selli Schell schellt nidd. Si miän an sellere Schell schelle, selli Schell schellt.“
Das war das scherzhafte Wortspiel, mit dem man einem „Hergloffene“ die Schwierigkeiten des „Lohrer Ditsch“, vom Lahrer aus gesehen die Vielfalt des Ausdrucks unserer Mundart, klar machen konnte.
Seiler (männlich), selli (weiblich), seil (sächlich) ist Bestandteil unserer Mundart, und man macht sich kaum Gedanken, wie dieser sprachliche Einzelgänger in unserem Wortbestand zu erklären sei. In den unteren Klassen des Gymnasiums hat einmal ein aus dem fränkischen Baden stammender Französischlehrer unser Lahrer seller, selli, seil mit dem französischen celle, der weiblichen Form von celui (dieser), in Verbindung gebracht. Das ist auch eine noch heute gerne gesuchte Erklärung, die man öfters von denen, die sich darüber überhaupt Gedanken machen, zu hören bekommt. Gewiß, wir haben in unserer Mundart oder besser mundartlichen Umgangssprache einige Brocken französischen Ursprungs, die aus der Nachbarschaft mit dem Elsaß oder aus historischen Bezügen (z.B. Baden als Mitglied des Rheinbundes) ihr Dasein herleiten. Vor dem Ersten Weltkriege gab’s ungeniert fiochz. B. den Schang Oean), die Lisette, Bavette (Babette), der Großvater trug noch statt einer Weste den Gilet, und die Großmutter ging mit dem „Ridikül“ (Handbeuteltäschchen) spazieren.
Aber sollte gerade die weibliche Form des französischen Demonstrativpronomens (hinweisenden Fürworts) ,,dieser“ die Form für unser dreigeschlechtlich anwendbares seller, selli, seil abgegeben haben? Das ist absolut unmöglich! Aber man m~hte sich weiter keine Gedanken und walzte gerne dann in studentischem Kreise vor den entsetzten Preußen die Deklination aus: seller Kerl, selli Frau, seil Kind (Werfall und Wenfall), sellem sin Hund (Wesfall), sellem, (Wemfall) und der Plural dazu sellene, sowie die Wer- und Wenfälle in der Mehrzahl selli. Einer aus dem Wiesental sekundierte mit „desell, disell“. Wenn man trennt de-seil, di-sell, ist klar, daß da der geschlechtsbestimmende Artikel vor das Stammwort seil gesetzt wird, während wir das Geschlecht des Wortes am Ende markieren: seil-er, sell-i. Längst war vergessen, nach der Herkunft unseres seller, selli, seil zu fragen, als mir Jacob Burckhardts, des berühmten Basler Historikers und Humanisten, 1853 erschienenes Bändchen „E Hämpfeli Lieder“, 14 Gedichte in alemannischer Mundart, in die Hände kam (vgl. ,,Geroldsecker Land“ Heft 14 S. 196-200).
Darin ist ein Gedicht enthalten ,, ‚S sind alli Gasse still … „. Burckhardt schildert, wie er am frühen Morgen zur einsamen Wanderung ins Birstal durch die Basler Malzgasse schreitet, in der das Elternhaus seiner Jugendliebe Margarethe Stehlin lag. Er zieht am Haus vorbei. ,,Jetzt selbe Fenstre noch e Blick, sie sind mit grüene Jalousie bschlosse“ ruft er hinauf zu jenen Fenstern, hinter denen er oft das geliebte Mädchen erblickt hat. Da haben wir’s! Selb, selbi (jener, jene) im Hochalemannischen wird.bei uns überm Basler Rhein drüben, schon bei Hebel und erst recht im Niederalemannischen zu „seller, selli“. In Hebels „Gespenst an der Kanderer Straße“ kommt seil in den verschiedenen Fällen gleich fünfmal vor. Und so finden wir denn auch in Hubert Baums „Alemannisches Taschenbuch für Baden“ 1972 auf S. 192 die Stelle:
seil jenes; Mkgr (= Markgräfler Land)/sellem jenem/seller, jener/selli jene/sellene, jenen/Nebenformen: selb, selbi/desell, disell usw …. (mhd [=- mittelhochdeutsch] selb).
Wir können also getrost weiter an sellere Schell schelle und wissen jetzt, mit dem französischen celle hat selli Schell nichts zu tun.
Rudolf Ritter